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„Sakrales Theater“ gegen die „internationale Schwulenlobby“

23. Mai 2014

Orbáns Kulturbeauftragter Kerényi will die „internationale Schwulenlobby“ aus Theater und Oper vertreiben und der Budapester Hochschule für Theater und Film die Mittel entziehen. Auf dem „Christlichen Theaterfestival“ im rechtsextrem geleiteten Neuen Theater inszenierte er national-sakrale  Historienmalerei aus dem 19. Jahrhundert.

Imre Kerényi, der Sonderbeauftragte des Ministerpräsidenten „für die Begründung eines bewussten nationalen öffentlich-rechtlichen Denkens und in Verbindung damit für die Bewahrung und Entwicklung der ungarischen kulturellen Werte“ (Regierungsseite) erklärte auf einer Diskussionsveranstaltung zum „Christlichen Theaterfestival“ (s. Pester Lloyd: Teufelsaustreibungen: Budapester Bürgermeister eröffnet gemeinsam mit Rechtsextremisten „Christliches Theaterfestival“, 20.5.2014) im Neuen Theater, zur Rettung der christlichen Werte, gegen Dekadenz und Kulturverfall müsse man sakrales Theater machen, Theater und Oper der internationalen Schwulenlobby entreißen und damit schon bei der Ausbildung anfangen: „Wenn ich der Vizekönig (sic) wäre, würde ich der Hochschule für Theater und Film (in Budapest) das Recht auf die Schauspielausbildung entziehen, zusammen mit dem Geld.“ Er persönlich wäre dafür, eine Gegenhochschule im Gebäude der ehemaligen Militärakademie zu gründen. (Volltext s.u.)

Der Rektor der Hochschule für Theater und Film, Géza M. Tóth, bittet deswegen Viktor Orbán und den Minister für Humanressourcen Zoltán Balog brieflich um Klärung, „inwiefern die Äußerung des Herrn Sonderbeauftragten des Ministerpräsidenten als offizieller Standpunkt des Herrn Ministerpräsidenten zu betrachten ist.“ (444.hu, hvg, hvg)

Mehr zu Kerényis Rolle und Aktivitäten auf diesem Blog hier.

„Sakrales nationales Theater“

Kerényis Auffassung von der „christlichen Sakralität“ des Theaters deckt sich mit der von Attila Vidnyánszky, des Intendanten des ungarischen Nationaltheaters: Dessen gesellschaftlicher Bildungsauftrag besteht für  Vidnyánszky darin, über Emotionen einen überkonfessionellen „christlichen“, „patriotischen“ Gottesglauben zu kommunizieren; durch diesen Glauben könne man sich selbst bzw. die Nation befreien, s. Post Welches Theater braucht das Volk? Faschistisches Erlösungstheater, 21. Dezember 2013.

Kerényis Beitrag für das „Christliche Theaterfestival“ war eine Inszenierung zum Thema der Taufe des Heiden Vajk, aus dem so der Gründer des christlichen ungarischen Staates, König Stephan I. der Heilige wurde (unten links). Der rechtsextreme Leiter des Theaters György Dörner wurde als einer der taufenden Bischöfe besetzt.

Ikonographisches Vorbild war das Gemälde „Vajks Taufe“ (1875) von Gyula Benczúr (unten rechts), 1896 Exponat der Milleniumsausstellung sowie 2012 der von Kerényi kuratierten Ausstellung „Helden, Könige und Heilige“ in der Nationalgalerie; es ziert auch die illustrierte Version der neuen ungarischen Verfassung.

Bei den „christlichen nationalen Werten“ und der „christlichen ungarischen Staatlichkeit“ sind sich die ungarische Regierung und die Rechtsextremen einig; der „tausendjährige ungarische Staat“, der so beschworen wird, bestand wohlgemerkt nicht in den heutigen Grenzen.

kerenyi_benczur_vajk

„Sakral und profan – Diskussion im Neuen Theater. Imre Kerényi über die Schauspielerausbildung.“

 

Kerényi: „Jetzt gibt es schon ein Mangalica-Festival [ungarisches Wollschwein], ein Jüdisches Festival, alle möglichen Frühlings-Festivals, wir brauchen auch so ein christliches Festival. Diese Sache muss erstarken und internationale Dimensionen bekommen, damit sich Europa von den schädlichen Einwirkungen schützen kann. Und wenn der christliche Gedanke, die Sakralität, sich nicht zeigt, dann wird er bedeutungslos, verkümmert. Man muss ihn also kultivieren, und dies auf Niveau, und fachlich, und stolz dafür einstehen, und große Presse dazu organisieren, die internationalen Partner dafür finden.
Das ist deshalb wichtig, weil 80 Prozent der europäischen Kunst und der ungarischen Dramaliteratur meiner Meinung nach Produkt des christlichen Kulturkreises ist. Europa ist der Triumph des christlichen Gedankens. Auch Ungarn ist das, die ungarische Staatlichkeit. Jedes einzelne unserer historischen Stücke ist ein sakrales Werk. Es ist nicht egal, wie wir uns diesen Werten annähern.
Und hier ist das Problem –  ein weltweites Problem -, dass in der Ausbildung von Regisseuren und Dramaturgen ein Ismus die Macht übernommen hat, der dazu nein sagt, und der sagt, dass das nicht wichtig und nicht interessant ist.  Und es wird weltweit  im Theater und vor allem in der Oper – aber auch schon bei der leichten Muse – diese Auffassung installiert, in der sich die Dekadenz verwirklicht (…), aber das Wesentliche bei dieser Sache ist das Bespucken, die Geringschätzung. (…)

Dadurch können die Mr. Niemande, die Dramaturgen, die Regisseure – jetzt ziehe ich über meine eigenen Kollegen her – anfangen zu glänzen, und sich dann gegenseitig dabei übertrumpfen, wer  über dieses Schöne, Gute und Edle noch mehr Schlechtes sagen kann, was viele Leute schmerzt.
Mich schmerzt dieses ständige Bespucken von morgens bis Abends im Fernsehen und auf den Theaterbühnen. Die Schauspieler trifft hier keine Schuld, denn die werden engagiert und machen ihre Arbeit, aber die Leitung trifft Schuld, darum halte ich es für sehr wichtig, dass in der Hochschule für Theater und Film in Budapest ein Wandel passiert. Wenn es nicht anders geht, die Errichtung einer Gegenhochschule innerhalb der Ludovika [frühere ungarische Militärakademie].  Ich bin radikal in diesen Dingen, und ich bin kein geborener Politiker, ich wage ruhig zu sagen: Wenn ich der Vizekönig (sic) wäre, würde ich der Hochschule für Theater und Film  das Recht auf die Schauspielausbildung entziehen, zusammen mit dem Geld.
Das Problem heute – und das sage ich aus eigener Erfahrung – ist, dass diese jungen Dramaturgen sehr-sehr vorbereitet kommen (…), und einfach anfangen, Vorschläge zu machen. Die Theaterregisseure und Schauspieler müssen aus ihrer Hypnotisierung durch die Dramaturgen befreit werden, und das Theater muss befreit werden. Und von der Hypnose durch die Kritiker. Ich denke, man muss einen neuen Weg beschreiten, man muss mit diesen Leuten den Kampf aufnehmen. Das ist ein sehr großer Kampf. Das ist eigentlich die Schwulenlobby, die die ganze internationale Opern- und Filmwelt durchzieht. Man muss die Situation erkennen und den Kampf aufnehmen. Dagegen muss man Vorstellungsreihen organisieren,  aber vor allem Schulen.“ (zitiert von hier)

5 Kommentare leave one →
  1. Karl Pfeifer permalink
    23. Mai 2014 10:08

    Kerényi hat sich von einem Sekretär einer Grundorganisation der MSZMP (Kommunistische Partei) zum wie man in Wien sagt „Kerzelschlucker“ (frömmlerischer Heuchler) entwickelt. So kann jetzt kostatieren, dass 80% der ungarischen Drama „christlich“ sind.
    Und ich in meiner Naivität dachte es gibt eine einheitliche ungarische Kultur. Nein sagt der Regierungsbeauftrage, die gibt es nicht.
    Wenn Kerényi den Einfluß von Schwulen auf die Kultur beklagt, dann ist vielleicht nicht mehr fern der Augenblick, wo die Künstler und Künstlerinnen einen Revers unterschreiben werden müssen, mit dem sie bestätigen heterosexuell zu sein.
    Anscheinend macht den Heuchlern („Kerzerlschluckern) der Sieg von Conchita Wurst bei Eurosongfestival Sorgen.

    • István permalink
      25. Mai 2014 12:42

      Kerzerlschlucker, ein schönes Wort und so treffend! Nur wie würde eine Kunstszene aussehen, wenn alle Schwulen daraus verschwinden würden? Noch viel armseliger als sie es in Ungarn jetzt schon ist. Übrigens: wer am lautesten über Schwule herzieht kompensiert oft genug nur unterdrücktes Verlangen nach dem eigenen Geschlecht. Abgesehen davon, Kunst muss national sein (Fekete), der Rest ist „entartete Kunst“. Pluralismus ist in Ungarn zum Schimpfwort verkommen. Es ist nur gut, was Viktor der Allerletzte und seine Hofschranzen wollen – und das nicht nur in der Politik.

  2. Frank permalink
    26. Mai 2014 22:47

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