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„Sozialbestattung“ kommt: Angehörige müssen selbst bestatten

31. Juli 2014

2015 wird in Ungarn die „Sozialbestattung“ eingeführt: Angehörige, die sich die Bestattungskosten nicht leisten können, müssen alle Aufgaben des Bestatters selbst übernehmen. Von dieser neuen Institution werden Roma überproportional betroffen sein. Illiberaler Staat in Aktion.

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(Illustration, Internet)

Ab Januar 2015 wird in Ungarn die neue Institution der „Sozialbestattung“ eingeführt: Der Staat stellt Grabparzelle, Sarg bzw. Urne und Holzkreuz; sämtliche Aufgaben des Bestatters – den Toten waschen und anziehen, das Grab von 2 x 2 x 1 Metern ausheben, den Sarg über eine Strecke von ca. zwei Kilometern unmotorisiert zum Grab transportieren, in die Grube hinablassen und diese zuschaufeln – müssen von den Angehörigen selbst übernommen werden. Vorher erhalten sie eine kurze Einweisung durch das Friedhofspersonal, das auch die sachgerechte Ausführung kontrolliert und bescheinigt. Als Vorteil dieser Neuerung wird kommuniziert, dass den Angehörigen keine Kosten entstehen.

Die ursprünglich geplante Einführung der Maßnahme für Januar 2014 war (da nicht wahlkampftauglich)  um ein Jahr verschoben worden.

Für Budapest wird von 2380 „Sozialbestattungen“ pro Jahr ausgegangen; derzeit wird auf dem „Neuen allgemeinen Friedhof“ (Új Köztemető) zu diesem Zweck eine eigene, weit abgelegene Parzelle von 12 Quadratkilometern vorbereitet.

Die durchschnittlichen Bestattungskosten sind in den letzten zehn Jahren stark angestiegen, sie können mehrere hunderttausend Forint betragen. Für Teilnehmer der öffentlichen Beschäftigungsprogramme mit einem monatlichen Nettofamilieneinkommen von etwa 50 000 HUF (ca. 160 EUR) ist dies nicht zu stemmen.

Bislang übernehmen die Kommunen Bestattungskosten auf Antrag, holen sich ihre  Aufwendungen jedoch aus dem Nachlass des Verstorbenen zurück. Diese Möglichkeit steht Angehörigen laut Medienberichten auch weiterhin offen; allerdings impliziert dies die Bedingung, dass ein entsprechender Nachlass  (Wohnung etc.) vorhanden sein muss.

Die konkrete Umsetzung bleibt abzuwarten, aber die „Sozialbestattung“ dürfte für die Angehörigen von Verstorbenen zur Regel werden, die keinen entsprechenden Nachlass haben.

Von dieser neuen Institution werden Roma überproportional betroffen sein.

Selbstbestattungsbusiness

Die Särge und einheitlichen hölzernen Grabkreuze sollen offenbar von Häftlingen angefertigt werden. Das Portal hir24 zitierte im letzten Jahr einen Unternehmer, laut dem die von Häftlingen produzierten Särge 36 000 HUF kosten sollen, während sie auf dem Markt schon für 20 000 HUF zu haben sind. Zudem dürfte der öffentliche Auftrag für das Zubehör von Sozialbestattungen an ein einziges Unternehmen (d.h. Fidesz-Mittelstand) vergeben werden, von dem die kommunalen Bestatter die Särge beziehen müssen, damit der Staat ihre Kosten erstattet.

(Quellen: hir24, hir24, tv2)

Kommentar PR:

Diese Maßnahme folgt der Fidesz-Logik der „arbeitsbasierten illiberalen Gesellschaft“, die nicht von Individuen, sondern von der Volksgemeinschaft ausgeht (vgl. aktuelle Orbán-Rede):

  • Staatliche Leistungen nur gegen Arbeit, und nur zulässig, wenn sie in irgendeiner Form wieder in die Volkswirtschaft (Fidesz-Mittelstand) zurückfließen. Wohlgemerkt sind die Roma qua Verfassung als „Nationalität“ zwar „staatsbildend“, nicht jedoch Teil der „Ungarischen Nation“.
  • Wer nichts besitzt, und wessen Angehörige nichts besitzen, hat nichts zum Wohl der „Gemeinschaft“ beigetragen, weshalb diese sich im letzten Akt des vergesellschafteten Lebens symbolisch von ihnen lossagt:
  • Verstorbener und Angehörige werden für den Staat zu „Individuen“, die sich selbst um ihre Belange kümmern („arbeiten“) müssen.
  • Solche „Individuen“ sind nach ihrem Tod nicht Gegenstand eines gesamtgesellschaftlichen Gedenkens (im Tod sind alle gleich), sondern verschwinden im posthumen Armutsghetto, auf der symbolischen gesellschaftlichen Mülldeponie.
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