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Jobbik auf Adventsmission 2014

9. Dezember 2014

Die rechtsextreme Partei Jobbik stellt seit Jahren zur Adventszeit landesweit an zentralen öffentlichen Orten apostolische Doppelkreuze auf, unterstützt von Kirchenvertretern, Nachfolgeorganisationen der verbotenen Ungarischen Garde, und in Einzelfällen auch lokalen Fidesz-Ablegern mit gutem Draht zu CDU-Kreisen. Bonus: Liste der beteiligten Geistlichen 2014, deutschen Partnergemeinden zur Kenntnisnahme.

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(Budapest XI, Móricz Zsigmond körtér. Bild: jobbik.hu)

Wie jedes Jahr seit 2003 stellt die rechtsextreme Partei Jobbik zur Adventszeit landesweit an zentralen öffentlichen Orten apostolische Doppelkreuze auf, um die vom Konsumterror geplagten Menschen “an den eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes zu erinnern”. Jobbik-Politiker halten Reden, die Kreuze werden von Geistlichen geweiht, meist katholischen und reformierten Pfarrern. An den Adventswochenenden treffen sich dort oft Mitglieder der jeweiligen Kirchengemeinden, um gemeinsam Kerzen anzuzünden.
Jobbik besetzt den öffentlichen Raum symbolisch mit einer Koppelung „traditioneller christlicher“ und „patriotischer, nationaler“ Werte: Das apostolische Doppelkreuz steht überkonfessionell für die Erlösung der „christlichen ungarischen Nation“ im Karpatenbecken (d.h. über heutige Landesgrenzen hinweg) von den Mächten der Finsternis (die “Feinde der Nation”); in der Vergangenheit kamen die begleitenden Reden nie ohne antisemitische Hetze aus, gerne verpackt in Bibelzitaten (vgl. Post).

Neuerdings wird das Doppelkreuz von Jobbik-Politikern zusätzlich als „Ur-magyarisches Symbol der altungarischen Kerbschrift“ (vulgo Széklerrunen) gedeutet, also zusätzlich zur christlichen Semantik an eine vermeintliche sakrale, völkische „Urgeschichte“ gekoppelt. Diese magyarische Volksgemeinschaft auf dem Territorium von vor 1920, die hier beschworen wird, wird heute „von außen“ durch Kapitalismus, Globalisierung und Konsumterror bedroht. Jobbik-Vize Elöd Novák erklärte dieses Jahr: „Wir lassen unser Volk nicht zur Konsumgesellschaft demoralisieren.“ (Video)

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(Dunaújváros: Gekreuzigtes Großungarn (Diskurs von Trianon-Ungarn als „Christus der Völker“) und Aufschrift „Die Liebe ist grenzenlos“. Lokalportal Duol.hu)

Dass diese Veranstaltungen von Vertretern der  “historischen” ungarischen Kirchen unterstützt und spirituell legitimiert werden, ist nichts Neues; zwar hatte die ungarische katholische Bischofskonferenz sich 2009 von diesen Kreuzaufstellungen distanziert, was aber einzelne Vertreter nicht davon abhält, sich seit Jahren zu beteiligen, s.u. und Post Jobbik auf Adventsmission: Jesus als Faschist, 2. Dezember 2013.

Die reformierte ungarische Kirche hat es auch nach mehreren Anläufen nicht geschafft, den antisemitischen Hetzpastor Lóránt Hegedüs jun. auszuschließen, der seit Jahren für Jobbik aktiv ist. 2007 hatte er den Holocaustleugner David Irving in seine Kirche am Budapester Freiheitsplatz eingeladen, 2008 und 2010 veranstaltete seine Gattin Enikő Kovács (seit 2010 Jobbik-Parlamentsabgeordnete) mit dem rechtsextremen Verlag Gebrüder Gede illegale Vorführungen des Nazi-Films „Jud Süß“ in Budapest; 2013 ließ Hegedűs in seiner Kirche eine Horthy-Statue errichten. Hegedűs segnet (oft mit Gattin) die meisten Jobbik-Adventskreuze, s.u.

Im Vergleich zu den Vorjahren ziehen die landesweiten Adventskreuz-Aktionen 2014 insgesamt weniger Publikum an, sind aber zahlreicher geworden. In Kiskunfélegyháza wurde die Veranstaltung in Kooperation mit dem lokalem Fidesz-Ableger Nationales Forum abgehalten, das den Bürgermeister und die Mehrheit im Gemeinderat stellt.

Liste der beteiligten Geistlichen 2014

deutschen Partnergemeinden zur Kenntnisnahme:

Ungarische reformierte Kirche:

  • Lóránt Hegedüs jun., reformierte Gemeinde am Freiheitsplatz Budapest – segnet auf Veranstaltungen landesweit, s.u.
  • Zsolt Baksa, Budakalász, Presbyter und Jobbik-Gemeinderat
  • Levente Hánka, Pfarrer der reformierten Kirchengemeinde Cegléd
  • László Mohácsi, Pfarrer im Raum Debrecen und Hajdúszoboszló (offenbar arbeitslos)

Katholische Kirche:

Griechisch-Orthodoxe Kirche:

István Orosz, Pfarrer der griechisch-orthodoxen Gemeinde Ózd. Dort fand die Kreuzaufstellung im Rahmen der kommunalen Adventsfeier statt, an der Orosz traditionell teilnimmt; seit 2014 hat Ózd einen Jobbik-Bürgermeister.

Jobbik-Adventskreuze 2014

(Diese Informationen stammen von rechtsextremen Portalen und Lokalmedien, in den landesweiten Mainstreammedien sucht man sie vergebens. Wird ggf. ergänzt.)

Budapest:

  • VIII. Józsefváros 6.12. Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun. (Jobbik.hu)
  • XI. Újbuda 30.11. Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun. und Ipoly Urr, Zisterzienserpater und Pfarrer der Szent Imre/Sankt-Emmerich-Kirche. (jobbik.hu)
  • XV. Újpalota  – wurde in der Nacht zum 7.12. zerstört und soll neu aufgestellt werden
  • XVII. Rákosmente, 30.11.
  • XVIII. Pestszentlörinc, 29.11. Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun.
  • XXI. Csepel 30.11. (nemzeti.net)
  • XXIII. Soroksár 7.12. (Jobbik.hu)

Budakalász 7.12. Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun. und dem Presbyter und Jobbik-Gemeinderat Zsolt Baksa (Video)
Budaörs 30.11. Mit János Varga, dem katholischen Pfarrer von Budaörs.

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(Lokalbericht)

Cegléd 1.12. Mit dem reformierten Pfarrer Levente Hánka. (Lokalbericht)
Debrecen Mit dem reformierten Pfarrer László Mohácsi und der Neuen Ungarischen Garde.

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(szebbjovo.hu)

Dunaújváros 6.12. Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun. (Lokalbericht, Fotos)

Eger 30.11. In Kooperation mit dem Jobbik-Jugendverband, der rechtsextremen Jugendbewegung der 64 Burgkomitate (HVIM) und der Neuen Ungarischen Garde, unmittelbar neben der katholischen Minoritenkirche; das Kreuz wird von Gardisten aufgestellt (Video).

Göd 30.11. (Video)
Hajdúszoboszló  30.11. Mit dem reformierten Pfarrer László Mohácsi (Lokalbericht, Video)
Hódmezővásárhely 30.11. unmittelbar neben dem Eingang der katholischen Kirche, demnach kirchlich geduldet.

(Facebook)
Jászapati 30.11. Mit dem katholischen Pfarrer Imre Kladiva (nemzeti.net)
Keszthely (Datum unklar, Bericht vom 5.12.) Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun. (Lokalbericht, mit Fotos, Video)
Kiskunfélegyháza 30.11. (Lokalbericht)
Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem lokalen Fidesz-Ableger abgehalten, es sprachen Bürgermeister József Csányi (Nationales Forum), der Jobbik-Gemeinderat László Kollár, István Talapka, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Sarlós-Boldogasszony, und Gyula Hajagos, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Stephan.

Bürgermeister József Csányi ist Mitglied des lokalen Fidesz-Ablegers Nemzeti Fórum (Nationales Forum). Sándor Lezsák, der Parlamentsabgeordnete des Wahlbezirks und Fidesz-Vizevorsitzende des Parlaments, hatte sich der Landes-Fidesz widersetzt und für die Kommunalwahlen 2014 einen eigenen, lokalen Bürgermeister-Kandidaten aufgestellt, der auch gewann. Seine lokalen Anhänger wurden aus Fidesz ausgeschlossen und traten in das seit 2004 existierende Nationale Forum ein, das 2014 auch die Mehrheit im Gemeinderat holte (Nemzeti Fórum 9, Fidesz 3, MSZP-DK1, Jobbik 1, Quelle.)
Hans Kaiser (CDU), 2006-2012 Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung im Auslandsbüro Ungarn, pflegt zu Lezsák und seinem Nationalen Forum auch jetzt noch gute Beziehungen; so besuchte er Kiskunfélegyháza im Oktober und Dezember, zu einer mit einer katholischen Messe verbundenen Veranstaltung mit Lezsák in der Sarlós Boldogasszony-Kirche, gehalten von Pfarrer István Talapka, der das Jobbik-Kreuz gesegnet hatte. (Lokalportal, Fotos)
Das Nationale Forum war 2004 von ausgeschlossenen Mitgliedern der konservativen Partei Ungarisches Demokratisches Forum (MDF, aufgelöst 2011) unter dem Vorsitz von Sándor Lezsák gegründet worden; 2005 schloss die Vereinigung eine Kooperationsvereinbarung mit Fidesz. (Nationales Forum)

Deutsche Partnergemeinde von Kiskunfélegyháza ist Braunfels (Hessen).

Kőszeg 11.12.
Komárom, 30.11.
Kosd 30.11. Jobbik-Bürgermeister. (Jobbik.hu)
Maglód 29.11. (Lokalbericht)
Makó 30.11. (Lokalbericht)
Nyíregyháza 30.11. (jobbik.hu)
Ózd 30.11. Mit dem Jobbik-Bürgermeister (seit 2014) und dem griechisch-orthodoxen Pfarrer István Orosz – die Kreuzaufstellung fand im Rahmen der kommunalen Adventsfeierstatt, an der Orosz traditionell teilnimmt.

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Szeged 30.11. (Lokalbericht mit Fotos)

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Székesfehérvár 30.11. Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun. (Facebook)
Tápióbicske 7.12. (Facebook)


Törökszentmiklós 30.11. Mit Jobbik-Bürgermeister Imre Markót und Mitgliedern der Neuen Ungarischen Garde (Video).

törökszentmiklós

(Facebook)

Aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats von Törökszentmiklós: Bürgermeister Jobbik, Gemeinderäte: Jobbik 7, Fidesz-Kdnp 3, linkes Wahlbündnis 1. (Quelle)
Zur Einstimmung auf die Veranstaltung hat der Jobbik-Ortsverband von Törökszentmiklós dieses Video produziert: Adventlich-besinnliche Volksgemeinschaft mit ungarischer Garde und auffallend vielen Jugendlichen.

Seit dem Schuljahr 2009/2010 besteht zwischen Törökszentmiklós und dem Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth in Bayern ein Schüleraustausch. Die deutschen SchülerInnen werden traditionell bei ungarischen Gastfamilien untergebracht.
Angesichts des neuen politischen Mainstreams in Törökszentmiklós ist nicht von vornherein auszuschließen, dass unter den ungarischen Gastfamilien und AustausschülerInnen Jobbik-SympathisantInnen und/oder Mitglieder des lokalen Jobbik-Jugendverbandes sind.

Vác 30.11. Mit dem reformierten Pfarrer Lóránt Hegedüs jun. (Lokalbericht)

Veszprém Mit dem katholischen Domherrn Károly Nagy von der Kathedrale St. Michael. (Lokalbericht)

6 Kommentare leave one →
  1. Richter János permalink
    14. Dezember 2014 16:01

    @ PR

    Gibt es eine Liste der Partnergemeinden und kann man die bekommen um dort anzufragen?

    • pusztaranger permalink
      6. Februar 2015 15:38

      Die relevanten Partnergemeinden werden im Post erwähnt, ansonsten Google.

  2. Il Grando Prixo permalink
    10. Februar 2015 09:26

    Wisst ihr auch davon, dass ich als Achtjährliger einen Hakenkreuz in den Schnee gepinkelt habe?

Trackbacks

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