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Abiturfach Hebräisch abgeschafft, Jüdische Schulen und Gemeinden protestieren

22. Juni 2012

Hebräisch im Abitur ist nicht von nationalem Interesse, dafür aber Chinesisch und Japanisch. Dass Ungarn die viertgrösste jüdische Gemeinde Europas hat, ist nicht von Belang, im Gegensatz zu den Minderheiten („Nationalitäten“) haben Glaubensgemeinschaften keinen Anspruch auf staatlich geförderten Sprachunterricht.

[Update 5.8.2012: Als Reaktion auf die Proteste der jüdischen Gemeinden wurde Hebräisch wieder als Abiturfach zugelassen (s.u.)]

Laut einer Anfang Juni in Kraft getretenen Gesetzesänderung wird Hebräisch als Abiturfach in Ungarn abgeschafft. Die drei betroffenen Schulen, jüdische Gemeinden, der ehemalige Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde von Budapest, József Schweitzer (der neulich angegriffen wurde, siehe Pester Lloyd: Rassistische Attacke auf Rabbiner in Ungarn, 06.06.2012), das Rabbinerseminar, das israelische Kulturinstitut, der Abitur-Prüfungsausschuss für Hebräisch sowie Pädagogen und Privatpersonen protestieren in einem Brief an Superminister Zoltán Balog (zuständig für Bildung, Gesundheit, Sport, Familie, Jugend, Kultur und Integration).

„Ohne hebräische Sprachkenntnisse ist weder die Ausübung der jüdischen Religion noch die Voraussetzung für ein aktives Leben der ethnischen Minderheit (etnikai kisebbségi létezés) gewährleistet.“

Juden gelten in Ungarn laut Gesetz nicht als Minderheit („Nationalität“), die per Gesetz Anspruch auf Unterricht in der eigenen Sprache haben (vgl. Fragebogen Volkszählung 2011), sondern als Glaubensgemeinschaft.

Ein früheres Protestschreiben an Staatssekretärin für Bildung Rózsa Hoffmann blieb unbeantwortet.

Auf Anfrage der MTI begründete Dr. Zoltán Gloviczki (Fidesz), stellvertretender Staatssekretär für Bildung im Ministerium für nationale Ressourcen, die Änderung damit, dass das ungarische Abitur mit seinen bislang zu vielen beliebigen Wahlfächern  „der europäischen Praxis angeglichen und überschaubarer, vernünftiger und kosteneffizienter umgestaltet werden“ müsse.

Durch die aktuelle Gesetzesänderung wurde die Liste von bisher 24 auf 6 Fremdsprachen reduziert und zwei neue Sprachen in die Liste aufgenommen: Japanisch und Chinesisch. (MTI)

(Quellen: hvg, mazsihisz (MTI), Presseerklärung auf ots.mti.hu; mehr zu Gloviczki beim Pester Lloyd: Regierung von Ungarn plant Einführung von „Schulwachen“, 20.04.2012.)

*

Update, 5.8.2012: Die Proteste haben sich gelohnt, Hebräisch ist wieder Abiturfach. In Ungarn berichten bislang nur einige jüdische Seiten und das rechtsextreme Hetzportal kuruc.info.

jta.org: Hungary to allow matriculation exams on the Hebrew language

THE HAGUE (JTA) — Hungary’s education ministry has re-introduced Hebrew to its list of optional matriculation exam subjects.

High school students who wish to take a final exam on the Hebrew language and its grammar may do so as of this year, the country’s minister of Human Resources, Zoltan Balog, said in a letter to the country’s Jewish community.

The ministry took Hebrew off the list last year but returned it “after considering the received opinions and suggestions,” Balog wrote in a letter to the Federation of Jewish Communities in Hungary.

3 Kommentare leave one →
  1. Don Kichote permalink
    22. Juni 2012 13:20

    Zoltán Balog ist ein Nationalist mit Talar, er war schon in seinem vorherigen Amt überfordert und ist es jetzt erst recht. Wenn die schulische Bildung der ungarischen Bevölkerung immer mehr von der Politik vorgegeben wird, kann das ein Grund dafür sein, dass Staatssekretär/e/inen nicht einmal mehr antworten können weder in ungarisch noch in ausländisch. Ich bin jetzt schon gespannt was man, in 10 Jahren, von den planwirtschaftlichen ungarisch ausgebildeten Fachkräften, erwarten kann.

  2. koehlergraupa@yahoo.de permalink
    23. Juni 2012 12:19

    Die Juden sind doch keine ethnische Minderheit, sondern eine Glaubensgemeinschaft (das war nur in der Sowjetunion anders, dort stand als Nationalität im Pass) ! Das Hebräische braucht das Judentum möglicherweise zur Ausübung seines Glaubens, so wie die Moslems meines Wissens das Arabische und die Katholiken (einst) das Lateinische. Ich begreife nicht, warum immer wieder versucht wird, die Juden sozusagen als „Fremdkörper“ in Ungarn darzustellen. Die „Gutgesinnten“ tun das vielleicht mit Sympathie, aber häufig mit den gleichen Argumenten wie die „Fremdenhasser“. Da wird das Judentum in erster Linie mit einigen Magnaten/Wissenschaftlern (sozusagen einer Superkaste) gleichgesetzt statt mit dem dörflichen szatócs, (der wohl eher zu den Opfern des Holocaust gehörte als ersterer). Da wird die Fahne Israels unkritisch verwendet, der Botschafter Israels wird eher um Meinung gefragt als die Vorsteher der betroffenen Gemeinden usw.

    ich habe nichts dagegen, dass es in Schulen Religions/Konfessionsunterricht gibt. Allerdings sollte der von den Kirchen betrieben werden, entweder in eigenen Schulen oder im Rahmen eines fakultativen Unterrichts an staatliche Schulen. Der Staat sollte jedoch nicht das Erlernen einer für den Kultus benötigten Sprache verantwortlich sein.

    • Don Kichote permalink
      24. Juni 2012 08:06

      Man muss schon sehr beschränkt im Denken sein, wenn man glaubt, dass eine verengte Fahrbahn zur Weitsicht führt. Politiker, Lehrer und Hochschullehrer, Arbeitgeber, Steuerzahler, Schüler und Studierende sollten darüber diskutieren ob die Bildung rein für den Arbeitsmarkt ausgerichtet werden soll. Persönlichkeitsbildung und Forschung sind wichtige Bestandteile einer Gesellschaft und sollten adäquat mitberücksichtigt werden, das reine Nützlichkeitsdenken schränkt ein. Eine erfolgreiche Bildung kann daher niemals nur von Politik und auch nie mit Daumen hoch oder runter bestimmt werden.

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