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Welches Theater braucht das Volk? Faschistisches Erlösungstheater.

21. Dezember 2013

Der Intendant des ungarischen Nationaltheaters Attila Vidnyánszky definiert auf einer Veranstaltung der Heinrich Böll-Stiftung sein ästhetisches Selbstverständnis nach gängigen Definitionen der Faschismusforschung, und keiner merkt’s. Mit einem Kommentar von Magdalena Marsovszky.

Update zu den Posts

Die Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete am 8.12.2013 eine internationale Konferenz in Berlin: „Whatever happened to the Hungarian Theatre?“,  mit hochkarätigen Gästen aus der ungarischen und internationalen Kulturpolitik. Ein Höhepunkt war das Podium mit dem Intendanten des Budapester Nationaltheaters Attila Vidnyánszky und dem Leiter des Theaters Krétakör Árpád Schilling, Video s.u.

Der gesellschaftliche Bildungsauftrag des ungarischen Nationaltheaters besteht demnach für  Vidnyánszky darin, dem Glaubensverlust der Gesellschaft entgegenzuwirken. Sein Theater will über Emotionen einen überkonfessionellen „christlichen“, „patriotischen“ Gottesglauben kommunizieren; durch diesen Glauben („unser Glaube, der sich in Gottesglaube und Patriotismus äußert“) kann man sich selbst bzw. die Nation befreien. „Sich im Namen der Liebe für eine Gemeinschaft, für eine Nation, für ein Land und für eine Heimat, in ihrer Allmächtigkeit und im Namen Gottes aufzuopfern, sich nach seinem Willen zu befreien, frei zu werden und dies in die Tat umzusetzen“ – dieses Vidnyánszky-Zitat  entspricht für die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky der Faschismusdefinition von Roger Griffin (s.u.); sie sagt, hier hätte man bei der Diskussion mit Vidnyánszky weitermachen können und müssen.

Die nächste Chance dafür wird es beim Ungarn-Festival im März im Wiener Burgtheater geben. Auch dort  ist eine Diskussion mit Vidnyánszky „über politische Einflussnahme auf künstlerische Prozesse“ geplant.

Ausschnitt aus der Diskussion

(Video unten)

(12.40) Moderator Dirk Pilz: (…) (Sie haben) im Vorfeld der Inszenierung (von „Johanna auf dem Scheiterhaufen“) gesagt, der wichtigste Gedanke dieses Stückes sei, ich zitiere: „sich im Namen der Liebe für eine Gemeinschaft, für eine Nation, für ein Land und für eine Heimat, in ihrer Allmächtigkeit und im Namen Gottes aufzuopfern, sich nach seinem Willen zu befreien, frei zu werden und dies in die Tat umzusetzen“. Ist es zu groß gegriffen, ist es eine Fehlinterpretation, wenn ich sage, dass das auch einer der zentralen Gedanken Ihres Theaterverständnisses, ihres Ästhetikverständnisses ist?

Attila Vidnyánszky (deutsche Simultanübersetzung, etwas redigiert und mit dem ungarischen Original ergänzt): Nein, Sie haben es schon richtig interpretiert, das ist einer der wichtigsten Gedanken, und es ist kein Zufall, dass es jetzt praktisch zu den ersten Premieren des von mir geleiteten Nationaltheaters  geworden ist.

F: (Könnten Sie) noch etwas Genaueres dazu sagen, Sie haben auch gesagt, in demselben Umfang, dass dieses Stück und auch diese Inszenierung „exakt zum Profil des Nationaltheaters passe, seinem Glaubensbekenntnis, und seiner Gedankenwelt.“ Was heißt das, zu welchem Glauben wird sich da bekannt, oder welcher Glaube  wird da eigentlich gezeigt?

A: Alle (möglichen) Arten von Glauben, Patriotismus [wörtlich Vaterlandsliebe, also semantisch emotionaler], Gottesglaube, unsere erste Saison ist eine Reihe von Produktionen, in denen wir versuchen, von der Welt, von den von uns für am Wichtigsten gehaltenen Fragen zu reflektieren, die wichtigsten Fragen des Menschen [also mit „universellem“ Anspruch] auseinanderzunehmen, über die wichtigsten Fragen unserer Gesellschaft nachzudenken. Sie brauchen sich nur unser Repertoire (der ersten Saison) anzuschauen, und da sehen Sie (in etwa), in welchem Bogen, in welchen Perspektiven wir versuchen, das Nationaltheater zu  betreiben.

F: (…) Was den Glauben betrifft, Patriotismus bis Gottesglauben, da gibt es ja doch diffizile, aber doch Unterschiede, ich will’s nochmal genauer fragen, besteht das Programm darin, oder die ästhetische Absicht, die Dimension des Glaubens selbst wieder in den Vordergrund zu rücken, oder stark zu machen, im Gegensatz zu – ja, zu was eigentlich? [Der Übersetzer fragt Vidnyánszky, ob er Glaube den Emotionen gegenüberstellen will.]

A: Nein, (das richtet sich nicht) gegen oder gegenüber (etwas), nein, auf keinen Fall (gegen) die Emotionen. Wenn man Claudel und das Werk kennt, (wird alles Mögliche einander gegenübergestellt), nur nicht gegen die Emotion. Es ist also keine richtige Feststellung, dass ich etwas gegen die Emotionen kommunizieren will. Wir sprechen über hochwichtige Dinge, und da passt unser Glaube, der sich in Gottesglaube und Patriotismus äußert, sehr gut zusammen. Ich weiß nicht, warum man das einander gegenüberstellen muss. Wenn man Claudel kennt, das Werk kennt, dann sieht man wunderbar, wie sich das alles vervollständigt, und zwar über emotionale Höhepunkte. Wenn es emotionale Musik und emotionale Texte gibt, dann auf jeden Fall die von Claudel.

F: [spricht das Übersetzungsproblem an, er hat nicht von Gegenüberstellung gesprochen]
(0:16:00) Ich will trotzdem nochmal nachfragen, einfach um es genauer zu verstehen. Nun ist ja das Stück von Claudel deutlich in einem katholischen Kontext situiert, es ist aus der Sicht eines Katholiken heraus geschrieben, das besagt erst einmal noch nichts,  es gibt aber den Rahmen vor [Übersetzung: der Katholizismus steht im Mittelpunkt]. Wenn man das zusammendenkt mit Patriotismus, diesen Übergang, diese Verbindung verstehe ich noch nicht ganz. Da sind ja doch ein paar Zwischenschritte notwendig, finde ich. Oder nicht? [Übersetzer sagt stattdessen: Gibt es da nichts dazwischen, hängen diese beiden eng zusammen?]

A: (16:32) Also bei Claudel hängt es eng miteinander zusammen. Ich würde eher von Christentum sprechen als explizit von Katholizismus. Diese Dinge [also ein  überkonfessioneller christlicher Gottesglaube und Vaterlandsliebe] hängen eng zusammen, auch für mich, das habe ich auch nie verheimlicht. Ich denke, in unserer Gesellschaft (…) ist der Glaubensverlust ein hochbrisantes Problem. Von diesem Thema bin ich sehr tief betroffen, schon lange Zeit. Ich glaube daran, dass man sich durch den Glauben befreien und frei werden kann. Und davon spreche ich seit ungefähr fünfzehn-zwanzig Jahren in allen meinen Inszenierungen. (…)“

Welches Theater braucht das Volk? Deutsche Version (Ungarische Version hier.)

Kommentar der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky

„Ich habe das Gefühl, dass die OrganisatorInnen der Veranstaltung der Heinrich-Böll Stiftung (…) nicht genau realisiert haben, was der Intendant des Nationaltheaters, Attila Vidnyanszky gesagt hat (…).

Der Leiter des Panels zitierte einen von Vidnyánszkys wichtigsten Sätzen: Für Vidnyanszky sei das Wichtigste,
„sich im Namen der Liebe für eine Gemeinschaft, für eine Nation, für ein Land und für eine Heimat, in ihrer Allmächtigkeit und im Namen Gottes aufzuopfern, sich nach seinem Willen zu befreien, frei zu werden und dies in die Tat umzusetzen“.

Der Gesprächsleiter hat hier meine Übersetzung übernommen. Ich habe den ominösen Satz so übersetzt, dass sofort (…)  verständlich ist, worum es hier geht. Ich meine aber, dass die Tiefe der Ideologie dahinter vor Ort nicht rübergekommen ist, zumal man im weiteren Verlauf der Gesprächsrunde ziemlich schnell auf die Frage der Finanzierung von Projekten überging. (…)

In Ungarn ist die völkische Ideologie sehr verbreitet, auch die Regierung vertritt eine völkische Ideologie. Dementsprechend ist auch das neue, seit dem 1. Januar 2012 gültige Grundgesetz völkisch. Zudem ist das Europakonzept der Regierung ein „Europa der Nationen“, das ethnopluralistisch, mit anderen Worten  – nach Etienne Balibar „neorassistisch“ und – nach Roger Griffin (The Nature of Fascism) – „faschistisch“ ist.

Vidnyanszkys Satz ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. (…) Was meint Vidnaynszky, wenn er „im Namen Gottes“ sagt? Im Gegensatz zum Christentum, das an den universalen Gott glaubt, ist die völkische Ideologie nicht universal, sondern partikular. Vidnyanszky meint daher nicht den universalen Gott, wenn er Gott sagt, sondern die Gottheit der Nation. Deshalb wird das Theater zum Tempel, zum völkisch-sakralen Ort, zum völkischen Heiligtum. Das sind schon Richard Wagnersche Tiefen (…).

Ebenso wie bei Richard Wagner bedeutet auch in diesem Fall der Glaube an die Nation den Glauben an das Volkstum der Magyaren. Die Erlösung bedeutet daher eben nicht – im christlichen und universalen Sinne – die Erlösung von den eigenen Sünden nach dem Tode im Jenseits, sondern im partikularen, völkischen Sinne eine Erlösung im Diesseits, vor dem Tode. Erlösung der Nation heißt ein Aufgehen im Volkstum,  anders ausgedrückt: das Erreichen des Zustandes eines arisch-reinen Magyarentums.

Die „nationale Erlösung“ ist in dieser Ideologie der Preis zur Liebe und zur vielbeschworenen „Neugeburt“ der Nation – wobei das Motiv der Neugeburt das wichtigste Element der faschistischen Ideologie ist. Roger Griffin nennt dies in seinem Buch The Nature of Fascism Palingenese, „Neugeburt, Neuordnung“.

Dies ist eine irdische Metaphysik, in der die Erlösung der Nation die Erlösung von den „Feinden der Nation“ bedeutet. Wozu Vidnyanszky hier aufruft, ist – wenn wir an Ulrich Beck denken – in der Konsequenz eigentlich die Säuberung der Nation von den Feinden der Nation durch Opfertod, das heißt, durch Terror gegen „Andere“.

Hier werden also – nicht explizit,  unbewusst, aber in Konsequenz dieses Denkens – auf ideologischer Ebene zukünftige Gewalttaten legitimiert, die – ähnlich z.B. zu Selbstmordattentaten – einen quasi sofortigen Eintritt ins Paradies, hier allerdings ins irdische, ins diesseitige, versprechen. Dieses irdische Paradies ist im völkischen Denken die „homogene, reinrassige, völkische Einheit der Nation, die magyarische Volksgemeinschaft“. Vor diesem vermeintlich „höchsten Ziel“ hebt Vidnyanszky alle moralischen Schranken auf.

In Ungarn wurden große Teile der Gesellschaft – und nicht erst in den letzten vier Jahren – durch individuelle Askese und Opferbereitschaft zu sogenannten „Gruppenegoisten“ – wie Horkheimer in seinem Text „Egoismus und Freiheitsbewegung“ die Mobilisierungskraft der Bewegung beschreibt. Heute aber ist die völkische Moral in Ungarn bereits das Instrument kollektiv durchgeführter Verfolgung.

Das hier Beschriebene wird aber in Ungarn nicht so wahrgenommen. Vordringlichste Aufgabe von solchen wichtigen Veranstaltungen wie die der Heinrich-Böll-Stiftung  wäre es, Menschen dafür zu sensibilisieren.

Denn der beschriebenen Ideologie fallen bereits jetzt schon Menschen zum Opfer, und weitere Hunderttausende verlassen das Land oder beantragen im Ausland politisches Asyl.

*

Illustration: Vidnyánszky-Inszenierung (2,3,6) und diverse Inszenierungen der Wagner-Erlösungsoper Parsifal. Der Unterschied:  Vidnyánszky meint das ernst, für ihn ist das aktueller Ausdruck von „Gottesglauben und Vaterlandsliebe“. Die „Guten“:

(br.de)

(hvg.hu)

(faz.net)

Die „Bösen“:

(buehnenfotos.de)

7 Kommentare leave one →
  1. szalaicdaniel permalink
    22. Dezember 2013 10:09

    Frau Marsovszky hat eine Monomanie, naemlich die Annahme, dass es in Ungarn ein generelles Bestreben nach „völkischem Gedankengut und völkischer Kulturpraxis“ gaebe. Um dies zu Untemauern ist ihr keine Fehlübersetzung, faelschliche Behauptung, Projektion und Verzerrung zu teuer. Sie unetrnimmt diese „Analyse“ auch mit grosser Vorliebe anhand von verschiedenen Texten und Zitaten, wobei sie ihre eigene Interpretation eigentlich textunabhaengig verlauten laesst, und dies nur um ihre vorgefertigte politische Meinung den Tatsachen überzustülpen. Ihre „Faschsimustheorie“ be der sie sich zwanghaft immer wieder auf dieselben Wissenschaftler bezieht, ist ihr einziges, zugleich wirklichkeitsfremdes Steckenpferd. Darauf reitend zeigt sie immer wieder das selbe laienhafte Kunststück, das ihr etwas Einkünfte sichert, und Applaus von einem gleichgesinnt denkfaulen aber oft nur schlecht informiertem Publikum beschert.

    • Exilant permalink
      23. Dezember 2013 17:28

      Allein dieser Kommentar, der eine Rechtfertigungshaltung einnimmt, zeigt mir wie dünn die Beine ihrers faschistischen Lügenkonstrukts sind. Sie können nicht die Absichten der Grundgesetzänderungen vom 1.1.2012 leugnen. Wohin soll eine „homogene, reinrassige, völkische Einheit der Nation“ führen, wenn nicht in eine derartige individualitätsabtötende Einheitsgesellschft, die Ungarn im Jahr 1956 so vehement abzuwehren versuchte! Ich war stolz auf den Willen und die Kraft meiner Großeltern und bin nun umso bekümmerter, was die Generation ihrer Söhne und Töchter aus diesem Staat macht!

      • Koch permalink
        25. Dezember 2013 12:08

        Ja, Frau Marsovszky ist die einzige wirklich klarsichtige „Expertin“, schon weil sie sich dafür hält. Die Anderen sind eben alle doof. *Ironie off*

    • Wrawanek permalink
      2. Januar 2014 11:36

      Frau Marsovszky sieht das schon sehr klar. Das tut natürlich denen weh, die glauben wollen. Diese Vidnyánszkys haben außer Religion nichts zu bieten. Das ist billig und die Glaubenswilligen sind es zufrieden.

      Bei seinem Streben nach die völkischer Reinheit der Magyaren soll sich der Vidnyánszky mal die Herkunft seines Namens ansehen. Vielleicht findet er da denn doch das Haar in der Suppe und identifiziert sich gleich selbst als magyarisch unrein. Soviel zum Magyarentum in heutiger Zeit.

  2. Wrawanek permalink
    26. Dezember 2013 20:45

    An dem Auftritt der Herren Vidnyánski und Simon hat mich ihr Outfit sofort verstört. Sie wollten wohl als Saubermänner dastehen und auch von vorn herein eine entsprechende Weltanschauung transportieren, indem sie schwarze Hose, schwarzes, ärmelloses Oberteil und ein weißes Hemd trugen, die gleiche Uniform, die diese abscheuliche „Neue“ Ungarische Garde bei ihren Marschveranstaltungen trägt.

    Vidnyánski erzählte (oder soll ich schreiben: Faselte?) auch ständig irgendwas von Glaube und Patriotismus, Heimatliebe und fehlender Selbstaufopferung. Vor allem bei der Selbstaufopferung war für mich eine Grenze erreicht, kann ich mich als etwas älterer Zeitgenosse doch noch ganz gut an die Folgen dieses Patriotismus und dieser Selbstaufopferung erinnern. Das vor allem, weil die Selbstaufopferung häufig doch etwas erzwungen war. Die Spuren dieser verlogenen Heimatliebe, des verlogenen Patriotismus und der erzwungenen Selbstaufopferung kann man in unserem Land, in unserer Stadt Berlin stellenweise noch heute ganz gut sehen. Der Umkreis von 200m um den Veranstaltungsort bietet einigen Beispiele dafür, wenn man ein Auge dafür hat. Von den menschlichen Opfern ganz zu schweigen, die für ‚Patriotismus‘, ‚Heimatliebe‘ und ‚Selbstaufopferung‘ verheizt wurden.

    Vidnyánski bewegt sich und sein Theater mit seinen heren Ansichten mit Volldampf in die Vergangenheit, eine Vergangenheit, die ich nie und nimmer wieder haben will. Vielleicht geht es auch anderen noch so.

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