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Philosophenprozesse: Das „Voldemort-Phänomen“

27. Februar 2011

Ein Gemeinschaftspost des PusztaLeaks-Kollektivs. Die Vorgeschichte hier: Chronik eines Schauprozesses Teil 1 und Teil 2; Pester Lloyd: Gyula B. jagt Dr. Phil. Racheengel im Namen des Volkes? Orbáns Sonderermittler auf Sozialistenjagd.
Agnes Heller sagte neulich im Stern-Interview, „Die Vorwürfe gehen von einigen kleinen Philosophen aus, die große Philosophen sein wollen. Sie sind eifersüchtig. Sie haben das Material über uns an die regierungstreue Presse gegeben.“

Während der deutschsprachige Durchschnittsleser mit dieser Information nicht viel anfangen kann (oder sie gar als schäbiges Ablenkungsmanöver von den eigenen Verfehlungen interpretiert wie z.B. Hungarian Voice), wissen die Insider – ungarische Philosophen in Forschung und Lehre, an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und den Universitäten – genau, wer hier gemeint ist: Der ehemalige stellvertretende Institutsleiter des philosophischen Forschungsinstituts an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Tamás Demeter, sowie sein Chef, Institutsleiter János Boros.

Die Vermutung, daß Tamás Demeter bereits im Sommer 2010 anonym Anzeige gegen eines der betroffenen Projekte erstattete, äußerte erstmals Gábor Borbély, einer der betroffenen Philosophen, am 10. Januar in der Magyar Nemzet. Die Népszava bezeichnet Demeter am 2. Februar 2011 als Urheber der ersten Anzeige.

Die institutsinternen Hintergründe der Philosophenprozesse werden in der regierungsnahen Presse jedoch völlig ausgeklammert, und der „anonyme Experte“, der die Magyar Nemzet nach wie vor mit Material beliefert (so wieder am 24.2., aber darüber ein andermal mehr), kann dies tun, ohne daß seine Kompetenzen oder seine Motivation im öffentlichen Diskurs hinterfragt werden.

Demeters Fachkollegen wissen Bescheid, äußern sich dazu jedoch nicht in der Öffentlichkeit, und das hat seinen Grund.Tamás Demeter (der übrigens inzwischen nicht mehr stellvertretender Institutsleiter, aber nach wie vor Mitglied des Institutsrates ist), droht mittlerweile jedem Kollegen mit Anzeige, der seinen Namen im Zusammenhang mit den Philosophenprozessen im Internet erwähnt.

So fielen dem Philosophen András Máté, Institutsleiter an der ELTE-Universität Budapest, schon früh die (inzwischen belegten) Ähnlichkeiten zwischen Budais Anzeige gegen das Borbély-Projekt vom Januar 2011 und dem Text der anonymen Anzeige gegen das Borbély-Projekt vom Sommer 2010 auf, und vermutete als deren Urheber Tamás Demeter. Das äußerte er auf Facebook; zehn Minuten später wurde er von Tamás Demeter angerufen und mit Anzeige bedroht. Auf der Facebook-Gruppe „Hört mit der Verleumdung der Philosophen auf“ (Hagyják abba a filozófusok rágalmazását), auf der die Philosophenprozesse von den Insidern sehr ausführlich diskutiert werden, schrieb Máté am 2.Februar 2011 (als der Artikel in der Népszava erschien, in dem Demeter als Urheber der Anzeige namentlich genannt ist):

András Máté: Interessant… als ich (am Anfang der Hetzkampagne) hier auf Facebook beschrieben habe, mit wessen Anzeige Budais Anzeige übereinstimmt, klingelte zehn Minuten später das Telefon, daß ich das sofort löschen soll, sonst zeigt er mich an. (Daran ist bemerkenswert, daß er zuvor meine Nummer gar nicht haben konnte, und daß er mich anzeigen will, weil ich von ihm behauptet habe, daß er Anzeige erstattet hat.) Dabei lassen sich die Ähnlicheiten zwischen den beiden Anzeigen aufgrund der Presseberichte (…) auch ohne umfassende philologische Kenntnisse feststellen. Jetzt kann er wieder gegen die Népszava klagen, einmal hat er ja schon gegen sie verloren. 02. Februar um 11:47 · Gefällt mir · 3 Personen

Das betreibt Tamás Demeter inzwischen auch mit ausländischen Kollegen. Der Wiener Philosophieprofessor Herbert Hrachovec bezog sich auf seinem Blog auf unseren Post Chronik eines Schauprozesses Teil 1 und postete eine Kurzzusammenfassung auf Englisch. Jetzt hat er die Formulierung geändert, weil Demeter auch ihm mit Anzeige drohte.

Ursprüngliche Formulierung:

The indictment filed by Gyula Budai on Jan. 5th, 2011 contains text identical to the complaint filed by Tamás Demeter in the previous case.
The obvious conclusion is that Tamás Demeter, who has been made deputy director of the Institute of Philosophy by János Boros, has been doing the dirty work on behalf of his patron.

Neue Formulierung:

The indictment filed by Gyula Budai on Jan. 5th, 2011 contains text identical to the complaint filed by Tamás Demeter in the previous case.
The obvious conclusion is yours to draw, since Tamás Demeter, who has been made deputy director of the Institute of Philosophy by János Boros, has
threatened legal action if it were spelled out here
.

Ein ungarischer Doktorand schreibt in einem Blogeintrag, daß der gewisse Kollege, der wegen seiner Anzeigedrohungen „mittlerweile ein äußerst angespanntes Verhältnis zu seinen Kollegen hat“, in dieser Geschichte die Rolle von Voldemort bei Harry Potter spielt – er ist „Der, dessen Namen wir nicht nennen“ bzw. „Du-weißt-schon-wer“ – ein zeitgemäßes Bild für die Selbstzensur der Vorwendezeiten.
Der anonyme Anzeiger kann sich hinter der regierungsnahen Presse verstecken; die Glaubwürdigkeit des „Experten, der ungenannt bleiben will“, wird nicht hinterfragt.

Dabei ist die Katze mittlerweile aus dem Sack. Am 26.Februar 2011 berichtet die Magyar Nemzet von der Pfessekonferenz des Budapester Polizeipräsidiums zu den Philosophenprozessen. Dort heißt es, man ermittle  in vier Fällen gegen Philosophenprojekte. Es liegen fünf Anzeigen vor, vier von Abrechnungsbrauftragten Budai, und eine der Institutsleitung des Philosophischen Forschungsinstituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (sic!). Da diese jedoch inhaltlich mit der ersten Anzeige des Abrechnungsbeauftragten übereinstimme, seien die beiden Anzeigen zusammengezogen worden. So komme es nun auf Grundlage von fünf Anzeigen zu vier Ermittlungsverfahren.

(Magyar Nemzet Printausgabe, 26.2.2011, S.3. Diese Ausgabe ist seltsamerweise in zwei Versionen erschienen; wir beziehen uns hier auf ein Exemplar der Printausgabe, das außerhalb Budapests gekauft wurde und uns vorliegt; das in Budapest gekaufte Vergleichsexemplar bringt den Artikel nur in einer Kurzversion, dort ist diese Information nicht enthalten. Die Zeitungen für die Provinz werden früher gedruckt und ausgeliefert, es dürfte sich um eine redaktionelle Last-Minute-Änderung handeln, was aber nichts mit dem Inhalt dieses Artikels zu tun haben muß.)

Die Institutsleitung waren damals Boros und Demeter, und Boros hat relativ früh in der Presse gesagt, daß er es nicht gewesen ist, siehe Chronik eines Schauprozesses Teil 1.

Demeter äußert sich nicht, er droht nur mit Anzeigen.

Der Draht zur Regierung

Die Zeitschrift Hetek erwähnt Demeters Kontakte zur neuen Regierung:

Nach dem Regierungswechsel kam Bewegung in die „Abrechnung“, als die Projekte des Nationalen Amtes für Forschung und Entwicklung (NKTH) von der Ungarischen Entwicklungsbank unter die Lupe genommen wurden. Dieser Prozeß wurde von einem Studienfreund Demeters angeregt, der im April in die neue Regierung ernannt wurde, und für den es eine Ehrensache ist, seinem Freund, dem völlig grundlos der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wurde, zu helfen.

Soweit Hetek.

Bei Demeters Profil auf dem ungarischen Social Network iwiw.hu findet sich ein gewisser Dr. Attila Péter Simon, stellvertretender Staatssekretär im Ministerium für Landesentwicklung.

Er hat zu derselben Zeit in Miskolc studiert wie Demeter.

Kritik hat Folgen

Hier geht es nicht nur um die betroffenen PhilosophInnen bzw. den Wissenschaftsbetrieb, der Fall ist symptomatisch für die generelle Atmosphäre im öffentlichen Dienst, Kunst und Kultur, Bildung und Wissenschaft: Wer sich kritisch äußert, fliegt, bekommt Fördermittel entzogen oder wird angezeigt. Andere aktuelle Beispiele sind der Regisseur Béla Tarr (Pester Lloyd) und der Dirigent Iván Fischer, der  sich kritisch in der FAZ äußerte – kurz darauf wurden die Subventionen seines Festivalorchesters für dieses Jahr ohne Begründung von der Hauptstadt und dem zuständigen Ministerium um 17 Prozent (175 Mio HUF) gekürzt (siehe hier und beim Standard.)

Siehe auch Deutschlandradio: Kulturkampf in Ungarn und Rückwendung zum Völkisch-Nationalen.

Anonyme Quellen und ihre Glaubwürdigkeit

Die innenpolitische Situation ermöglicht es Einzelnen, mit der Unterstützung der regierungsnahen Presse und staatlicher Stellen ihre persönlichen Konflikte gefahrlos in Medien und Justiz auszutragen, ihre „Gegner“ öffentlich zu diffamieren und einen öffentlichen Diskurs darüber wirksam zu unterbinden.

Der deutschsprachige Leser will Angaben durch Namen und Fakten untermauert sehen, aber die wirklich interessanten Quellen – die Angestellten des öffentlichen Dienstes, die mit der politischen Gleichschaltung nicht einverstanden sind, aber nicht riskieren können, ihren Job zu verlieren – werden sich auch in Zukunft nur im Schutz der Anonymität äußern – eben auch als „Experten, die ungenannt bleiben wollen“.

*

PS: Aktuelle Entwicklungen

Agnes Heller hat am 25.2. ihre Presseklage gegen die Magyar Nemzet in erster Instanz gewonnen, so auf ihrer Facebookseite.

Einer der Betroffenen, György Geréby, wurde die Tage von der französischen Organisation Chercheurs Sans Frontières – Free Science eingeladen, um über die Situation zu referieren (hier im Video). CSF bietet bedrohten Wissenschaftlern finanzielle und juristische Unterstützung.

Am 1.3.2011 spricht Agnes Heller auf Einladung der Fraktion GRÜNE/EFA im Europäischen Parlament zur Frage „Hungarian democracy in danger?“ (Quelle).

6 Kommentare leave one →
  1. galut permalink
    27. Februar 2011 19:40

    Ich danke für diese Zusammenfassung und auch überhaupt für diese Homepage und die darin investierte Arbeit!

    • Anatol permalink
      28. Februar 2011 10:15

      ……dem Dank schliesse ich mich vorbehaltslos an……ich schlage vor, dass man dem PusztaLeaks-Kollektiv die Leitung des Kulturministeriums überträgt…..

  2. galut permalink
    6. Juni 2012 06:08

    Hallo Pusztaranger,

    habe damals für den Artikel mich bedankt, weil er für mich Neues zusammenfasste.
    Jetzt wäre es allerdings angebracht, hier auch die Meldung zu bringen, dass die ganzen Untersuchungen gegen Heller und Co. eingestellt wurden. Ich hoffe, dies ist nicht zu viel Ausgewogenheit für Sie…
    http://www.nepszava.hu/articles/article.php?id=553161#null

    • pusztaranger permalink
      14. Juni 2012 13:49

      „Jetzt wäre es allerdings angebracht, hier auch die Meldung zu bringen, dass die ganzen Untersuchungen gegen Heller und Co. eingestellt wurden.“
      Da haben Sie absolut Recht. Ich komme gerade nicht dazu – wenn Sie mir den Artikel übersetzen oder eine deutsche Zusammenfassung machen, poste ich das gerne.

    • pusztaranger permalink
      12. Juli 2012 14:16

      Hier das Update: Philosophenprozesse: Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein

Trackbacks

  1. Du-weißt-schon-wer auf Ungarisch | Erbloggtes

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