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Viktor Orbán in der Ukraine, Ungarns ukrainische EU-Abgeordnete

30. September 2014

Bei einem Besuch in Berehowe/Ukraine am 26.9. stellte Viktor Orbán den Ungarn in der Karpatenukraine weitere Unterstützungen durch die ungarische Regierung in Aussicht. Dank Fidesz haben sie “ihre eigene Vertretung in der EU”: Bei den Europawahlen hatte Fidesz erstmals Auslandsungarn aus den Nachbarländern aufgestellt, so auch aus den Nicht-EU-Ländern Ukraine und Serbien. Die “einzige ukrainische EU-Abgeordnete” Andrea Bocskor will sich in den nächsten fünf Jahren vor allem für ihre Landsleute einsetzen.

Am 26.9.2014 reisten Viktor Orbán, Vizepremier Zsolt Semjén, der im Amt des Ministerpräsidenten für die Auslandsungarn zuständige Staatssekretär Árpád János Potápi und der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Außenpolitik Zsolt Németh zum Festakt des Semesterauftakts der ungarischsprachigen Ferenc Rákóczi II. Hochschule in Berehowe/Beregszász in der Ukraine an. (Index) Unter anderem besichtigte die ungarische Regierungsdelegation die zum Großteil aus ungarischen Steuergeldern frisch renovierte Hochschule (Karpatalja.ma).


(Ungarische Blogs mokierten sich über die hohe Anzahl an Bodyguards. Foto vipera.balladium.hu / karpatalja.ma)

Die frisch renovierte ungarische Hochschule:

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(Fotos: Staatliche Nachrichtenseite)

Volkskörper

In seiner Rede auf dem Festakt der Hochschule stellte Orbán den Ungarn der Karpatenukraine weitere Unterstützungen in Aussicht. Unter anderem sagte er:

“Im Hinblick auf die Ukraine ist die Sicherheit der Ungarn in der Karpatenukraine für Budapest das Wichtigste. Denn wir Ungarn glauben, dass die unterschiedlichen, in andere Länder abgerissenen und ausgewanderten Mitglieder der Nation die Teile eines einzigen Körpers bilden. Wenn eines der Glieder leidet, fühlen es auch alle anderen, und arbeiten auf eine Heilung zu. Ich sehe es so, dass das heutige Leben der Ungarn in der Ukraine eine stumme Volksabstimmung für den Frieden ist, weshalb wir jede Maßnahme und Initiative begrüssen, die den Interessen der Ungarn in der Karpatenukraine dient, und sprechen uns gegen jedwede Sanktion  aus, die Ihr Leben noch schwerer macht.” (Quelle)

Wohlgemerkt hat die ungarische Regierung der Ukraine und damit der Karpatenukraine am 26.9. den Gashahn zugedreht, vgl. Deutschlandfunk.

Zu den Mitgliedern der ungarischen Nation als Glieder eines einzigen Körpers vgl. Wikipedia “Volkskörper”:

“(…) diente (…) im politischen Sprachgebrauch als Metapher, die ein organizistisches und biologistisches Verständnis von „Volk“ und Gesellschaft ausdrückte. Sie wurde in Deutschland während des 19. und 20. Jahrhunderts vor allem in antisemitischen und rassenhygienischen Texten benutzt, um das als biologische und rassische Einheit konzipierte „Volk“ semantisch gegenüber sogenannten „Parasiten“, „Schädlingen“ und „Krankheiten“ abzugrenzen.”

Ein aktuelles Beispiel ist Parlamentspräsident László Kövérs (Fidesz) Rehabilitierung der antisemitischen Fabel des Blut-und-Boden-Dichters Albert Wass, “Die Landnahme der Ratten”.

Die Finanzierung der Renovierung der Hochschule durch die ungarische Regierung war im Frühling 2013 beschlossen worden. „Diese Vereinbarung wurde von den Ungarn im Mutterland und der Karpatenukraine im April (Parlamentswahlen) gemeinsam besiegelt”, so Orbán. “Wir Ungarn haben mit dem Wahlergebnis ausgesprochen, dass wir den Weg der Selbstachtung und des Zusammenhalts statt den der Kleingläubigleit und der Zersplitterung wählen. Und seit Mai (Europawahlen) kann man nach Beregszász nicht nur aus Budapest, sondern auch aus Brüssel blicken, die Ungarn der Karpatenukraine haben bereits ihre eigene Vertretung in Europa”, so Viktor Orbán. (Quelle)

Auslandsungarn aus Nicht-EU-Staaten im Europaparlament

Bei den Europawahlen hatte Fidesz erstmals Kandidaten aus den Nachbarländern aufgestellt, so auch aus den Nicht-EU-Ländern Ukraine und Serbien (wobei davon auszugehen ist, dass sie zuvor die ungarische Staatsangehörigkeit angenommen hatten).

Die über die sog. “nationale Liste” gewählte Fidesz-Vertreterin der Ungarn aus der Ukraine im EU-Parlament ist Andrea Bocskor, stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung, sowie unter anderem Mitglied der Delegation im Ausschuss für parlamentarische Kooperation EU-Ukraine und Stellvertreterin der Delegation im Ausschuss für parlamentarische Kooperation EU-Russland. Aktuell nimmt sie in den regierungsnahen ungarischen Medien Tibor Navracsics vor der internationalen Kritik in Schutz.

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(Andrea Bocskor)

Vertreter der Ungarn aus Serbien ist Andor Deli, u.A. Mitglied der Delegation für den Parlamentarischen Stabilitäts- und Assoziationsausschuss EU-Serbien.

“Die einzige ukrainische EU-Abgeordnete”

“Dank der Nationalen Liste von Fidesz bei den Europawahlen ist auch die Karpatenukraine in der Gesetzgebung der EU vertreten”, heißt es in der Anmoderation eines aktuellen Interviews des regierungsnahen HírTV mit Bocskor (Video s.u.): “Was für die Ungarn in der Ukraine gut ist, ist auch gut für die Ukraine, erklärt Andrea Bocskor (…), die einzige Europaabgeordnete ukrainischer Staatsangehörigkeit (sic) (…).”

Sinngemäß sagt Bocskor hier, die Reaktionen der ukrainischen Öffentlichkeit auf ihre neue Position seien in erster Linie positiv gewesen, auch die der Ungarn in der Ukraine. Ihr Ziel für die nächsten fünf Jahre in den Ausschüssen und Delegationen des Europaparlaments sei es, die Situation der Ungarn in der Karpatenukraine positiv voranzutreiben und sich zu Themen und Fragen zu Wort zu melden, die auch die Ukraine betreffen,  “denn was gut für die Ungarn in der Karpatenukraine ist, ist auch für die Bevölkerung der ganzen Ukraine gut, und umgekehrt.” Sie hofft, in fünf Jahren sagen zu können, “dass ich für meine Gemeinschaft erfolgreich war.”

Auf die Frage, wie sie als Ukrainerin, die für Ungarn im EU-Parlament sitzt,  mit den unterschiedlichen Erwartungen umgeht, die von beiden Staaten an sie herangetragen werden, sagt Bocskor, sie versuche, sie miteinander zu vereinbaren. “Es war von Anfang an klar, dass ich den Ansprüchen einer Doppelfunktion gerecht werden muss, einerseits an die Interessen von Fidesz/KDNP gebunden bin, was jedoch andererseits den heimischen  Interessen bislang nicht zuwiderläuft.” Und bei Rechtsverstößen gegen die Ungarn in der Karpatenukraine könne man nun entschiedener auftreten; so hätten mehrere EU-Abgeordnete gegen das Vorhaben der ukrainischen Regierung protestiert, den ukrainischen Wahlbezirk mit ungarischer Mehrheit aufzulösen (vgl. Pester Lloyd). Insgesamt ergänzten ihre beiden Funktionen einander.

Auf die Frage, was die Ungarn in der Karpatenukraine von der EU erwarten, sagt sie, die EU stelle für die Ukraine das “Land der Möglichkeiten” dar. Die  Visumfreiheit für ukrainische Staatsbürger wäre wichtig,  damit auch für die Ungarn in der Karpatenukraine der Weg nach Europa frei werde, wegen der Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten, die zu Hause kaum  gegeben seien.

*

Auch bei den ungarischen Rechtsextremen steht das Thema Ukraine weiter  hoch im Kurs:

“Der russische Bär stürzt Trianon um”

Die Krise in der Ostukraine könne eine gute Gelegenheit für die Autonomie Transkarpatiens und sogar einer Grenzrevision bieten, lautete der Tenor einer Veranstaltung des Jugendverbandes des Demokratischen Bundes der Ungarn in der Ukraine (UMDSZ) im Budapester Sitz des  rechtsextremen Weltverbandes der Ungarn Mitte September, an der auch die  Rechtsextremen György Budaházy und der ehemalige Jobbik-Abgeordnete Tamás Gaudi-Nagy teilnahmen. Nach der “verpassten Gelegenheit der südslawischen Krise” (Jugoslawienkrieg) sei nunmehr eine neue Möglichkeit gekommen, “die Mauern von Trianon einzureissen”; “der russische Bär hat den Zaun umgeworfen, die Ungarn müssen nur noch durchspazieren”, so Budaházy. Der UMDSZ distanzierte sich im Vorfeld von der Veranstaltung. (Index)

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(Kárpátalja ist Ungarisch für Karpatenukraine, Foto: Index)


(Der Jobbik-EU-Abgeordnete Béla Kovács (seit der Spoinageaffäre “KGBéla”), der bis vor Kurzem ein eigenes Büro in Beregszász unterhielt, und der damalige Bürgermeister von Beregszász István Gajdos weihen 2011 das Ortsschild in Széklerrunen ein (Quelle).

Parlamentspräsident László Kövér auf dem “Tag der Heimat” 2014

28. September 2014

Das vom ungarischen Parlamentspräsidenten László Kövér (Fidesz) auf dem “Tag der Heimat” 2014 beschworene “Menschenrecht auf Heimat”, von dem der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk (CDU) twittert, steht für die ideologische Annektion der 1920 abgetrennten Gebiete in den heutigen Nachbarländern, gilt im eigenen Land jedoch nicht für Roma und die “verjudete” demokratische Opposition.

“Ungarischer Parlamentspräsident Laslo Köver fordert Recht auf die Heimat als unveräußerliches Menschen[recht] zu achten”, twitterte der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk (CDU/CSU) am 30. August 2014.

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Nach Superminister Zoltán Balog im letzten Jahr war 2014 Parlamentspräsident László Kövér Ehrengast auf dem “Tag der Heimat”.

Die zwei zentralen Punkte von Kövérs Grußbotschaft (s.u.) waren die Gleichsetzung der deutschen Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Situation der durch den Friedensvertrag von Trianon 1920 den Nachbarländern zugeteilten ethnischen Ungarn, sowie eine Absage an jegliche Form der “Kollektivschuld”:

“Es darf keine von anderen stigmatisierten schuldigen Nationen geben, es gibt nur Menschen, die Verbrechen begehen. Das Prinzip der kollektiven Schuld ist inakzeptabel, eine moralische und juristische Absurdität.”

Dies entspricht der gedächtnispolitischen Linie der ungarischen Regierung bei der Aufarbeitung des ungarischen Holocaust, wie sie sich im Denkmal der deutschen Besatzung manifestiert: Die “ungarische Nation” rückwirkend und “kollektiv” von jeder Schuld und Mitverantwortung an der Entrechtung, Deportation und Ermordung der jüdischen Mitbürger 1941 und 1944 freizusprechen, vgl. Post US-Historiker Randolph L. Braham gibt ungarischen Verdienstorden zurück, 26. Januar 2014.

Mit einer Absage an “Kollektivschuld” wird von der ungarischen Regierung auch seit Jahren für die Abschaffung der Benes-Dekrete argumentiert (s.u.), was jedoch beim diesjährigen “Tag der Heimat” offenbar nicht offiziell zur Sprache kam.

Heimat, Menschen und Ratten

Die Vertreibung der Ungarndeutschen sei Teil des Lehrplans, so Kövér in seiner Rede. Ebenfalls Teil des Lehrplans sind in Ungarn seit 2012 die Werke der Blut-und-Boden-(“Heimat”)Schriftsteller Albert Wass und József Nyírö aus Siebenbürgen, für deren Rehabilitierung Kövér sich seit Jahren einsetzt, vgl. Posts

Am 20.9.2014 weihte Kövér eine Gedenkstele im Nationalen Gedenkpark des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Recsk ein. Es wurde zwischen 1950 und 1953 von der ungarischen Staatssicherheit (ÁVH) betrieben und war unter den etwa 100 kleineren und größeren Arbeitslagern jener Zeit als der „ungarische Gulag“ das berüchtigtste. Etwa 1500 Deportierte wurden dort gefangen gehalten. (wiki)

Kövér bezeichnete Recsk (geschichtsverfälschend) als “Vernichtungslager, Schauplatz eines versuchten Genozids an der ungarischen Nation (nemzetgyilkossági kísérlet helyszíne), “gemeinsames Gefängnis und Friedhof der Nation”, und diffamierte die heutigen “Linken” kollektiv als geistige Erben der Täter von damals: “Viele, die ihre Jugend im sozialistischen Parteistaat und später in der sozialistischen Nachfolgerpartei mit der als Privatisierung des ungarischen Staatsvermögens bezeichneten Verschwendung verbrachten”, und deren politischen Rechtsvorgänger das Zwangsarbeitslager Recsk errichtet hatten, “reden heutzutage von Diktatur”. Recsk warne alle: Es gebe keinen Deal mit dem Terrorsystem des Sozialismus, und könne auch keinen geben, und darum auch nicht mit den Folterern, Gefängniswärtern,” weder mit ihren geistigen Erben, noch mit denen, die sie aus irgendeinem Grund schützen, rechtfertigen.” (Origo, hvg)

Dies entspricht der gedächtnispolitischen Linie der Regierung, vgl. Post Offener Antisemitismus bei Orbáns Chefideologin Mária Schmidt, 3. Juli 2014

Der oppositionelle Journalist György Bolgár kommentiert, der “Schauplatz eines versuchten Genozids an der Nation” sei keinesfalls Recsk, sondern Auschwitz gewesen, was im Holocaust-Gedenkjahr nicht vergessen werden dürfe.

Als Teil der offiziellen Gedenkveranstaltung trug die Schauspielerin Fruzsina Pregitzer anschließend die antisemitische Fabel “Landnahme der Ratten” des Blut-und-Boden (“Heimat”)Schriftstellers Albert Wass vor, womit diese offiziell im kulturellen Kanon der ungarischen Regierung angekommen ist.

Der letzte Satz der Fabel vom Kampf des magyarischen Bauern gegen die Rattenplage in seinem Haus  – “Und als der Mensch erkannte, dass (die Ratten) wieder begannen, sich zu vermehren, dachte er lange darüber nach, was er mit ihnen tun sollte” – erntete großen Applaus. (Origo)

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(Pregitzer deklamiert. Origo)

Noch 2011 hatte der Medienrat einem Lokalsender, der die “Landnahme der Ratten” im Kontext der “Zigeunerkriminalität” gesendet hatte, wegen Verletzung der Menschenwürde und Anstiftung zum Rassenhass ein Bußgeld auferlegt und dies ausführlich begründet; genannt wird dort auch, dass mit den Ratten ursprünglich die Juden gemeint waren.

Die Schauspielerin Fruzsina Pregitzer ist illustres Mitglied der von Fidesz 2012 neu gegründeten nationalistischen  “Ungarischen Akademie der Künste” (MMA), deren antisemitischer Vorsitzender György Fekete ausschließlich “national gesinnte Künstler” aufnimmt. Derzeit tourt sie erstmals in den USA, in regierungsnahen ungarischen Kulturinstitutionen in Los Angeles und San Diego, ihre Veranstaltungen werden teilweise auch vom ungarischen Konsulat in Kalifornien beworben. (Diese Youtube-Version der “Landnahme der Ratten”, vorgetragen von Pregitzer auf  EchoTV, ist eingestellt von Ákos Szilágyi, dem rechtsextremen Vorsitzenden des Fidesz-“Bürgerkreises” New York, der gute Beziehungen zu den rechtsextremen Fidesz-Medien pflegt.)

Die propagandistische Verwendung von Wass’ antisemitischer Fabel zur Denunzierung politischer Gegner und unerwünschter kritischer Stimmen als “Parasiten am Volkskörper” hat nicht nur in Jobbik-, sondern auch Fidesz-Kreisen lange Tradition; so illustrierte das (damals oppositionelle, heute regierungsnahe) rechtsextreme EchoTV die Fabel 2009 mit Portraits der bekannten Schriftsteller Imre Kertész, Péter Esterházy und György Spiró (Quelle).

In den letzten Jahren weihten Jobbik- und Fidesz-Politiker die zahlreichen neuen  Wass-Denkmäler teils gemeinsam ein; die “Landnahme der Ratten” durfte dort nicht fehlen, vgl. Post  Fidesz, Jobbik, Albert Wass und die “Landnahme der Ratten”, 7. Juni 2013

Und der damalige Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Nationalen Zusammenhalt reiste 2013 extra in die USA, um dem Sohn von Albert Wass die ungarische Einbürgerungsurkunde zu überreichen, vgl. Post Einbürgerung mit Faschismusexport, 9. Dezember 2013

Kövér impliziert mit seiner Rede von Recsk, dass die heutigen “linken” Kritiker der Orbán-Regierung, die rückwirkend kollektiv als “Erben der Kommunisten” diffamiert werden, in Ungarn ihr “Recht auf Heimat” verwirkt haben – so wie die 1944 deportierten Juden, auf die Wass’ Fabel sich bezieht.

Das von Kövér beschworene “Menschenrecht auf Heimat”, von dem Koschyk so unkritisch twittert, steht für die ideologische Annektion der 1920 abgetrennten Gebiete in den heutigen Nachbarländern, gilt im eigenen Land jedoch nicht für Roma (vgl. Amnesty, Pester Lloyd, hier und hier) und die “verjudete” demokratische Opposition.

(Bundesbeauftrager Koschyk mit dem ungarischen Parlamentspräsidenten László Kövér, dem ungarischen Botschafter in Berlin József Czukor und dem ungarndeutschen Fürsprecher im ungarischen Parlament, Imre Ritter, Quelle)

Auszüge aus László Kövérs Rede auf dem “Tag der Heimat” 2014

(Die ganze Rede hier als pdf)

(…) Im 20. Jahrhundert gab es zwei Methoden, Menschen ihrer Heimat zu berauben: Die eine war, Menschen aus ihrer angestammten Heimat in die Fremde zu vertreiben. Die andere, Menschen in ihrer Heimat als Fremde zu behandeln. Im ersteren Fall zwang man die Menschen, über Staatsgrenzen zu gehen. Im letzteren Fall zwang man sie zu ertragen, dass die Staatsgrenzen über sie kommen.  (…)

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden mehr als zehn Millionen Deutsche aus ihrer angestammten Heimat vertrieben; jeder vierte Deutsche, der heute in Deutschland lebt, ist ein Vertriebener oder ein Nachfahre Vertriebener.
Am Ende des Ersten Weltkrieges wurden drei von zehn, also mehr als drei Millionen Ungarn, zu Fremden in ihrer eigenen Heimat und kämpfen seither um ihren Fortbestand als Teil der ungarischen Gemeinschaft.
Wir, die heute lebenden Ungarn und die heute lebenden Deutschen, haben somit allen Grund und zugleich eine starke Verantwortung, die Erinnerung zu bewahren.
Viele denken, der durch den Bund der Vertriebenen organisierte Tag der Heimat handele ausschließlich von der nicht zu ändernden Vergangenheit. Dabei handelt diese Veranstaltung doch ebenso von einer Zukunft, die wir noch gestalten können. Denn wir wollen für uns und unsere Kinder eine Zukunft wählen, in der weder die Deutschen, noch die Ungarn, noch irgendein anderes europäisches Volk seine Heimat und das Recht, selbst über das eigene Schicksal zu bestimmen, mehr verlieren kann. Wir wollen ein Europa, in dem künftig nie wieder jemand – weder rechtlich noch seelisch – heimatlos werden kann.

(…) Den unschuldigen Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges eine Kollektivschuld zuzuweisen und sie aus ihrer Heimat zu vertreiben war ein Verbrechen, genau so ein Verbrechen, wie es schuldige Deutsche während des Zweiten Weltkrieges Unschuldigen gegenüber begangen hatten.
Es darf keine von anderen stigmatisierten schuldigen Nationen geben, es gibt nur Menschen, die Verbrechen begehen. Das Prinzip der kollektiven Schuld ist inakzeptabel, eine moralische und juristische Absurdität.
Das müssen wir immer wieder aufs Neue aussprechen, meine Damen und Herren, andernfalls werden sich die gegen Unschuldige begangenen Verbrechen vollenden und wiederholen, wie wir es 1945, aber auch nach 1990 in Europa erlebt haben. (…)

Angesichts sich vertiefender Krisen in der Welt und in Europa würde es im Zeichen des politischen Realismus und zum Schutz unschuldiger Menschen viel nutzen, das universelle System der Menschenrechte um das Recht auf Heimat zu erweitern – als ein absolutes und uneingeschränktes Menschenrecht, um jenem Gebot der Moral Rechtskraft zu verleihen, dass niemand gegen seinen Willen aus seiner Heimat vertrieben bzw. niemand gegen seinen Willen daran gehindert werden dürfe, in seine Heimat zurückzukehren.

Auf diesen letzten Teil von Kövérs Rede bezieht sich Hartmut Koschyks tweet.

Ungarische Regierung will die Abschaffung der Benes-Dekrete

Symbolische Zugeständnisse wie der 2012 eingeführte jährliche Gedenktag an die Vertreibung der Ungarndeutschen macht die ungarische Regierung, um ausländische Partner für die eigene Agenda zu gewinnen. Es wurde in diesem Kontext nicht erwähnt, aber Fidesz betreibt seit Jahren die Anerkennung und Entschädigung der durch die Benes-Dekrete aus der heutigen Slowakei vertriebenen Ungarn, wie sie auch von den ungarischen Rechtsextremen seit Jahren gefordert wird. Die Benes-Dekrete sind ein festes Schlagwort auf der Seite der Fidesz-Gruppe im EU-Parlament; der damalige Staatssekretär für Justiz Bence Rétvári (KDNP) erklärte letztes Jahr, die Benes-Dekrete liefen dem EU-Recht zuwider und beeinträchtigten die Zusammenarbeit der Visegrad-Staaten; es sei an der Zeit, sie “auf den Müllhaufen der Geschichte” zu befördern, so Rétvári in seinem Redebeitrag auf dem Symposium “Die Kollektivschuld und die Europäische Union”, einer gemeinsamen Veranstaltung von KDNP und Konrad Adenauer-Stiftung  in Budapest im November 2013 (Quelle).

Ein weiterer Redner auf dieser Veranstaltung war laut Programm der Militärhistoriker  Sándor Szakály, damals noch stellvertretender Rektor der Nationalen Universität für den öffentlichen Dienst, seit 2014 Leiter des staatlichen Veritas Instituts. Er betreibt die Rehabilitierung der Horthy-Gendarmerie und tritt regelmäßig mit Jobbik auf; u.A. wegen einer geschichtsverfälschenden Äußerung Szakálys Anfang des Jahres fordern die jüdischen Gemeinden seinen Rücktritt und boykottieren das Holocaust-Gedenkjahr, vgl. Spiegel, Deutsche Welle.

Ungarische Armee: Vorbereitungen für den Ausnahmezustand

23. September 2014

Seit der Abschaffung der Wehrpflicht 2005 bestehen Ungarns Streitkräfte aus Berufssoldaten. Derzeit führt die ungarische Armee ein umfangreiches systemisches Vorbereitungsprogramm für den Fall des Ausnahmezustands durch. Um die logistischen Prozesse bei der Wiedereinführung der Wehrpflicht im Ausnahmezustand zu üben, werden im Oktober landesweit simulierte Musterungen durchgeführt.

Laut Seite des Verteidigungsministeriums ist

Ziel der 40tägigen Übung (“Feltöltés 2014″) die Auffüllung der professionellen Streitkräfte, inbegriffen die Einberufung der freiwilligen Reservisten sowie im präventiven Verteidigungsfall die Einberufung zum Kriegsdienst (…).

Dieses Jahr am 3. November sind es zehn Jahre, dass der letzte in Friedenszeiten dienende Wehrpflichtige seinen Dienst beendete, jedoch müssen die ungarischen Streitkräfte auch weiterhin fähig sein, im Ausnahmezustand durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht die Musterung einer entsprechenden Anzahl von volljährigen Wehrpflichtigen durchzuführen, die professionellen Streitkräfte zu ergänzen, ihre kontinuierliche Einsatzbereitschaft zu gewährleisten, und gegebenenfalls Verluste zu ersetzen.  Um diese Fähigkeiten zu erhalten und den Bestand zu trainieren, wird von der MH Hadkiegészítő és Központi Nyilvántartó Parancsnokság (zuständige Stelle der ungarischen Armee) in jedem Jahr die “Feltöltés”-Simulationsübung organisiert und durchgeführt.

Das Programm “Feltöltés” läuft bereits seit 2013 (Regierungsseite), damals Teil der internationalen Manövers Active Guardian 2013 mit US- und serbischer Beteiligung.

Anfang Oktober 2013 wurde von der ungarischen Armee erstmals seit zehn Jahren eine simulierte Musterung in Debrecen durchgeführt. Dieses Jahr wird sie aufs ganze Land ausgedehnt:  Laut Seite des Verteidigungsministeriums sind vom 7-17. Oktober in Budapest und landesweit solche simulierten Musterungen geplant. Pro Veranstaltungsort wird mit ehrenamtlicher Hilfe von Schülern und Reservisten die Musterung von 20-70 Personen eingeübt. Dies soll vor der Medienöffentlichkeit stattfinden.

Bei den mithelfenden Schülern handelt es sich mutmaßlich wie bereits 2013   in Debrecen um Schüler des KatonaSuli-Programms des Verteidigungsministeriums. Seit September 2012 wird an 32 Schulen des Landes das Lehrfach “Militärische Grundkenntnisse” unterrichtet, um Jugendliche an eine Laufbahn in der Berufsarmee heranzuführen; das Programm veranstaltet auch beliebte Sommerferienlager, vgl. Posts

Um Ärzte auf den für sie neuen Einsatzbereich bei der Musterung im Ausnahmezustand vorzubereiten, wurden in der zweiten Septemberwoche in Budapest, Veszprém und Debrecen entsprechende Schulungen für Kardiologen, Internisten, Chirurgen und Orthopäden abgehalten.

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(Ärzteschulung, Quelle)

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Bereits im Mai 2014 hatte das Verteidigungsministerium laut Medienberichten in 600 Fällen private PKWs bzw. sonstige, nicht näher bezeichnete “Mittel” der Zivilbevölkerung für die potentielle Requirierung in Kriegszeiten inventarisiert, s. Post Ungarische Armee bereitet Requirierung von Privatfahrzeugen vor? 23. Mai 2014

Freunde Russlands: FIDESZ, FPÖ und Front National bei Fundamentalistenkongress im Moskauer Kreml

15. September 2014

Der stellvertretende Staatssekretär für bilaterale EU-Beziehungen der ungarischen Regierung Gergely Prőhle, ehemaliger ungarischer Botschafter in Berlin, bekennt sich aktuell in der regierungsnahen ungarischen Presse zu Ungarns Verankerung im westlichen Bündnis; parallel nahm er als Vertreter der ungarischen Regierung mit FPÖ- und Front National-Politikern sowie rechten US-Lebensschützern am “Internationalen Forum Große Familien und die Zukunft der Menschheit” im Moskauer Kreml teil.

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Das “Internationale Forum Große Familien und die Zukunft der Menschheit” wurde co-organisiert u.A. vom World Congress of Families (WCF – Quelle), der Russischen Orthodoxen Kirche  und der Stiftung Sankt Basilius der Grosse des rechtsextremen Oligarchen Konstantin Malofejew, “an important connection to the EU-based far right parties and has been deeply involved in unleashing the “Ukraine crisis” (Quelle).

Hintergründe zur Veranstaltung:

Über diese Veranstaltung  berichteten Medien aus der Schweiz und Österreich ausführlich wegen der FPÖ-Beteiligung; auch Prőhles Teilnahme wird dort erwähnt:

  • Tagesanzeiger: «Wir sind Freunde Russlands». Rechtspopulisten aus Österreich und Frankreich treten bei einer christlich- fundamentalistischen Veranstaltung in Moskau auf und hetzen gegen den Westen. 14.9.2014
  • orf: In erzkonservativer Gesellschaft, 12.9.2014: Russland hat wegen seiner Involvierung in die Ukraine-Krise derzeit nicht viele Freunde. Unter den wenigen, die Sanktionen gegen Moskau vehement ablehnen, ist die FPÖ. Auch in anderen „Zukunftsfragen“ ist man sich einig. Bei einem Auftritt in Moskau teilte der stellvertretende FPÖ-Chef Johann Gudenus kräftig aus – gegen EU, NATO und „Homosexuellenlobby“.
  • Profil Online: FPÖ in Moskau: Gudenus kritisiert EU, USA, NATO und “Homosexuellenlobby”, 13.9.2014. Die Annäherung zwischen FPÖ und dem offiziellen Russland läuft weiter. Johann Gudenus, Klubchef der Wiener FPÖ, trat am Donnerstag in Moskau bei einer offiziösen Veranstaltung namens “Internationales Forum ‘Mehrkindfamilien und die Zukunft der Menschheit” auf.


(Konstantin Malofejev, 3.v.r. Quelle: Anton Shekhovtsov’s blog)

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(Gergely Prőhle, links. Aus dem Bericht zum Kongress auf der Seite der Orthodoxen Kirche Russlands)

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(Gergely Prőhle, links. Co-Veranstalter Благотворительный Фонд Святителя Василия Великого, Facebook)

Im Juni hatte Konstantin Malofejew in Wien ein Treffen von russischen und europäischen Faschisten sowie PolitikerInnen von Front National und FPÖ organisiert, s. Tagesanzeiger: Gipfeltreffen mit Putins fünfter Kolonne, 3.6.2014.

Am 3./4. Oktober wird in Budapest ein eurasisch-internationales rechtsextremes Vernetzungstreffen mit dem russischen Publizisten Alexander Dugin (vgl. faz.net) und Jobbik-Vize Márton Gyöngyösi stattfinden, s. ausführlich Blick nach Rechts: „Forum für Patrioten und Traditionalisten“. Auf Facebook organisiert sich bereits eine Protestdemonstration.

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Ein weiteres aktuelles Beispiel für den Doppelkurs der ungarischen Regierung gegenüber EU und Russland war das Treffen des ungarischen Landwirtschaftsministers Sándor Fazekas mit dem russischen Agrarminister Nikolaj Fjodorow am 8.9., wo sie sich unabhängig von geplanten Wirtschaftssanktionen der EU gegenüber Russland auf den Ausbau der Kooperation verständigten, s. Ungarische Regierungsseite: Both parties have an interest in continued Hungarian-Russian cooperation in agriculture, September 9, 2014 .

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Presseschau: Gergely Prőhle zu Ungarns Verankerung im Westen

Budapost.hu: Ungarn – fest im Westen verankert, 15. Sep. 2014

Zwei regierungsfreundliche Autoren sind sich darin einig, dass es dumm wäre, würde Ungarn zwischen Ost und West hin und her schwanken. Sie warnen vor der Versuchung, einen zu großen Nachdruck auf die Unstimmigkeiten mit den westlichen Verbündeten Ungarns zu legen.

In der Druckausgabe von Heti Válasz kritisiert Gergely Prőhle konservative Autoren massiv, die „in jüngster Zeit eigenartige pro-russische Gefühle offenbart haben“. Natürlich, so räumt der Vize-Staatssekretär im Ministerium für Humanressourcen ein, gehöre das künstlerische und literarische Erbe Russlands zu den kostbarsten Juwelen der Menschheit. Allerdings seien derartige Empfindungen bei manchen im Zuge der jüngsten politischen Entwicklungen zu Tage getreten und würden in rechten Talkshows von vehementen anti-amerikanischen Äußerungen sekundiert.
Für Prőhle ist das teilweise auf eine gegen die Globalisierung gerichtete Geisteshaltung zurückzuführen. Leute könnten zu Recht fragen, warum gerade Washington immer wieder neue Bedenken hinsichtlich des Zustandes der Demokratie in Ungarn äußern müsse. Dennoch ließen eindrucksvolle pro-russische und anti-amerikanische Gefühle in Mitteleuropa eine höchst unglückliche Mixtur entstehen. Gewiss spiele Russland in unseren wirtschaftlichen und handelspolitischen Beziehungen eine wichtige Rolle. Doch habe Ungarn mit den Beitritten zur Europäischen Union und zur Nato seinen besten Interessen gedient. Ungarn dürfe niemals vergessen, dass das westliche Bündnis das einzige ist, das ihm Sicherheit garantieren könne, stellt Prőhle klar. (…)

Verbotene Ungarische Garde marschiert legal vor dem Sitz des Staatspräsidenten auf

8. September 2014

In Budapest und der Provinz fanden Ende August die alljährlichen legalen Gardevereidigungen statt; in Budapest erstmals seit 2007 vor dem Sitz des Staatspräsidenten. Zudem weihten Garden und Jobbik das erste Gendarmerie-Denkmal Ungarns sowie eine von der Regierung renovierte rechtsextreme Kultstätte auf dem Budapester Farkasrét-Friedhof ein.

Nachdem die Nachfolgeorganisationen der verbotenen ungarischen Garde ihre Mitgliedervereidigung in den letzten Jahren legal auf dem Heldenplatz abgehalten hatten (2012, 2013), konnte sie 2014 erstmals seit der Gründung der Garde 2007 wieder auf dem Budaer Burgberg vor dem Sándorpalais, dem Sitz des Staatspräsidenten stattfinden.

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(Gardenseite)

Die Ungarische Garde und ihre diversen Nachfolgeorganisationen verstehen sich als Neugründung der Gendarmerie unter Horthy und damit als zivilgesellschaftliche Alternative zu den staatlichen Ordnungskräften.
Mit der polizeilichen Genehmigung dieses Veranstaltungsortes  ist die Veranstaltung vom 28.8. der Vereidigung der staatlichen Ordnungskräfte symbolisch sehr nahegerückt: Seit 201o werden die Absolventen der Nationalen Universität für öffentlichen Dienst, die Offiziere von Polizei und Armee, ebenfalls auf der Burg und auf eine Kopie der „Heiligen Krone“ vereidigt, s.Post Ein Volk, eine Krone: Die Vereidigung von Gardisten und Polizisten, 25. August 2013.

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 Gardevereidigung auf eine Kopie der “Heiligen Krone” 2014

(Polizeiseite, 2013)

Auf der Gardevereidigung wurde das 2007 anlässlich der Gardegründung entstandene Gedicht “Ungarische Garde” des rechtsextremen, antisemitischen Autors Péter Szentmihályi Szabó vorgetragen. Im Juli hatten internationale Proteste seine Ernennung zum ungarischen Botschafter in Italien verhindert, siehe Post.

Erstes Gendarmerie-Denkmal Ungarns eingeweiht

Auch in der Provinz fand wieder eine Mitgliedervereidigung statt. In Csókakő, wo bereits 2012 eine Horthy-Büste errichtet wurde, enthüllte die Neue Ungarische Garde Ende August mit Jobbik, den rechtsextremen  Jugendbewegung 64 Burgkomitate (HVIM) und Betyársereg sowie dem rechtsextremen Bürgermeister von Érpatak, Mihály Zoltán Orosz ein neues Denkmal der ungarischen Gendarmerie.
Das Denkmal wurde vom reformierten Jobbik-Pastor Lóránt Hegedűs jun. gesegnet. Im Anschluss spielten bekannte rechtsextreme Bands, u.A.  Radical Hungary und Romantikus Erőszak.

Die ungarische Gendarmerie führte 1944 die Deportationen der ungarischen Juden aus der Provinz durch. Ihre Rehabilitierung ist das Hauptprojekt des Militärhistorikers und ehemaligen Vizerektors der Nationalen Universität für öffentlichen Dienst, Sándor Szakály, der Anfang des Jahres zum Leiter des neuen staatlichen Instituts für Geschichtsforschung Veritas ernannt wurde, s. Post.

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Regierung renoviert rechtsextreme Kultstätte

Auf dem Budapester Friedhof Farkasrét weihten Jobbik und die Neue Ungarische Garde Ende August das renovierte Grab des Freischärlers Tibor Vámossy ein,  der 1921 im “Freiheitskampf in Westungarn” den “Heldentod” starb. Der katholische Pfarrer Péter Lőrincz weihte das Denkmal.
Das Verteidigungsministerium hatte das im Krieg beschädigte Grab auf Betreiben von Jobbik renovieren lassen, die offizielle Einweihung jedoch ins Ungewisse verschoben, siehe ausführlich bei Hungarian Spectrum: Jobbik-Fidesz cooperation: The case of the Western Hungarian Uprising of 1921, 24.8.2014 und Post vom November 2012: Der ungarische Staat finanziert Renovierung einer rechtsextremen Kultstätte. Darum organisierte Jobbik am 28.8. die Einweihung in Eigenregie und mit römisch-katholischer Liturgie.

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Das Grab als Denkmal  der “Rongyos Gárda“, Horthys Freischärlertruppe “Lumpengarde” (weißer Terror, Massaker von Orgovány 1919 an Anhängern der Räterepublik und an Juden; Besetzung des Burgenlandes 1921; Truppe reaktiviert 1938) wird von Rechtsextremen seit Jahren als Kultstätte bespielt. Die Ungarische Garde und ihre diversen Nachfolgeorganisationen betrachten auch die Rongyos Gárda als ihr historisches Vorbild und halten bei diesem Grab seit Jahren Gedenkveranstaltungen ab.

Verteidigungsminister Csaba Hende hatte Jobbik-Vize Elöd Novák unter anderem geschrieben, Vámossy habe sein Leben zwar nicht als Soldat, sondern als Freischärler gelassen, jedoch im Kampf gegen eine “ungerechte internationale Entscheidung” (Ungarische Gebietsverluste durch den Friedensvertrag von Trianon 1920) und “ausgesprochen im Interesse des Schutzes der territorialen Einheit unseres Landes. Darum ist die Pflege seines Gedenkens unser aller Pflicht.” Zuletzt schrieb er Jobbik: „Die Verdienste der Rongyos Gárda, die sie bei ihren Bemühungen zum Schutz des Territoriums unseres Vaterlandes erworben hat, werden von der Regierung und dem Verteidigungsministerium natürlich anerkannt.”  (Jobbik)

Fotos

2007:

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(Gründung der Ungarischen Garde 2007 vor dem Sándor Palais. Bild vom Blog des stellvertretenden Staatssekretärs Ferenc Kumin, der 2013 erklärte, die Garde würde nicht mehr marschieren und Ungarn sei durch das Gardeverbot sicherer geworden. Bildquelle gondola.hu)

 2014:

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Der Jurist Tamás Gaudi-Nagy,  Jobbik-Abgeordneter 2010-2014, Vorstandsmitglied der Nationalen Rechtsschutzstiftung NJA, die die juristische Verteidigung der Garde übernahm. Seine letzte Amtshandlung als Abgeordneter im Februar war, die EU-Flagge aus dem Parlament zu “entsorgen”, s. Post.

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Budapest, Friedhof Farkasrét

Vor dem Zweiten Weltkrieg und frisch renoviert:

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(Internet)

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Polizei stürmt regierungskritische NGOs

8. September 2014

Russische Zustände: Die Budapester Polizei stürmte heute die Büros von zwei NGOs, die die Gelder des norwegischen Kohäsionsfonds für ungarische NGOs verwalten, und beschlagnahmte Server und Laptops. Am Abend protestierten mehrere hundert Menschen. Gegen die eine NGO wird auf  eine Fidesz-Anzeige wegen “Veruntreuung und gesetzeswidrigen Finanzaktivitäten” ermittelt; der zuständige Ermittler der Staatlichen Kontrollbehörde ist ein Rechtsextremer.

Budapest (dpa) – Die ungarische Polizei hat am Montag den Sitz der Budapester Stiftung Ökotars gestürmt, die seit Monaten mit der rechtsnationalen Regierung des Ministerpräsidenten Viktor Orban im Clinch liegt. Ökotars verwaltet die Gelder, die der Fonds Norway Grants (EEA) für ungarische Nichtregierunsgorganisationen zur Verfügung stellt. (…)

Orban hatte schon vor Wochen erklärt, die Behörden würden gezielt gegen aus dem Ausland finanzierte Organisationen vorgehen, da es sich dabei um «bezahlte politische Aktivisten» handle, die in Ungarn «ausländische Interessen» durchsetzen wollten.

Über den Fonds Norway Grants (EEA) fördern die Nicht-EU-Staaten Norwegen, Island und Liechtenstein staatliche Institutionen und Vereine in Osteuropa. Die Federführung hat als größter Einzahler Norwegen. EEA fördert in Ungarn vor allem Projekte, die den Kampf für Menschen-, Bürger- und Minderheitenrechte zum Ziel haben. (Europe Online)

Siehe auch

Der Großeinsatz bei den beiden NGOs Ökotárs und Demokratikus Jogok Fejlesztéséért Alapítvány (Demnet) begann am Montagmorgen und dauerte bis gegen 18 Uhr. Es wurden Dokumente, Server und Laptops beschlagnahmt, die Leiterin von Ökotárs Veronika Móra abgeführt.

Die offizielle Begründung der Polizei gegenüber den Medien lautete “Veruntreuung und rechtswidrige Finanzaktivitäten”; laut dem Einsatzprotokoll waren das Ziel der Aktion jedoch Daten der 13 NGOs, die von der ungarischen Regierung im Zusammenhang mit den norwegischen Fördergeldern als politisch problematisch gelistet wurden, berichtet das Transparenzportal atlatszo.hu (die Schwarze Liste “problematischer” NGOs hier).

Ende Juni hatte der Fidesz-Lokalpolitiker István Tényi von seiner Fidesz-Email-Adresse aus gegen Ökotárs Anzeige “wegen Veruntreuung” erstattet (444.hu), siehe ausführlich Pester Lloyd: Präzedenz: Ungarische Regierung lässt NGO verklagen, um Kontrolle über Geld aus Norwegen zu erlangen, 5.9.2014

Der bei der Staatlichen Kontrollbehörde für die Ermittlung gegen die vom Norwegischen Kohäsionsfonds unterstützten NGOs zuständige Vize-Abteilungsleiter Gábor Mabda ist rechtsextrem; er kandidierte bei den Kommunalwahlen 1998 und den Parlamentswahlen 2002 für die rechtsextreme Partei MIÉP, so atlatszo.hu.

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Die Leiterin von Ökotárs Veronika Móra wird abgeführt. Laut Medienberichten vom Abend wurde sie nicht festgenommen, sondern “lediglich mit Blaulicht nach Hause gefahren, um dort ihren (beschlagnahmten) Laptop zu holen.” (Foto: Budapester Zeitung)

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Ein Demonstrant weist darauf hin, dass Viktor Orban 1989 selbst vom Ausland, nämlich von George Soros finanziert worden war. (Bernhard Odehnal, Facebook. Foto: Origo)

 

Hunderte protestieren

Am frühen Abend demonstrierten laut Medienberichten 5-600 Menschen vor den Sitzen der beiden NGOs gegen den Polizeieinsatz.

Zuvor waren an der Straße vor dem Büro von Ökotárs am Nachmittag Überwachungskameras installiert worden – wohl in Erwartung von Protesten. (444.hu)

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(Amnesty Hungary, Facebook)

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(vs.hu)

Internationales Filmfestival CineFest Miskolc 2014 zensiert Romafilme

5. August 2014

Auf dem internationalen Filmfestival CineFest in Miskolc, mittlerweile Ungarns wichtigstem Filmfestival, das dieses Jahr vor den Kommunalwahlen stattfindet, dürfen “zur Vermeidung politischer Konflikte und aus Sicherheitsgründen” keine Filme mit dem Thema Roma in Ungarn gezeigt werden.

In Miskolc wird derzeit ein Romaviertel mit 800 Bewohnern geräumt, weil es dem Stadionbau im Weg ist, und die Bürgermeisterkandidaten von Fidesz, Jobbik und “Linken” für die Kommunalwahlen im Oktober profilieren sich allesamt durch Romafeindlichkeit. Der für die Romaintegration zuständige Minister für Humanressourcen Zoltán Balog hatte anlässlich des Roma Holocaust-Gedenktages am 2.8. erklärt, aus Ungarn habe es keine Deportationen von Roma in die Vernichtungslager der Nazis gegeben, s. Post. Das ist der Kontext der folgenden Meldung:

Auf dem internationalen Filmfestival CineFest in Miskolc, mittlerweile Ungarns wichtigstem Filmfestival, das dieses Jahr vor den Kommunalwahlen stattfindet (Festival: 12.-21. September, Kommunalwahlen am 12. Oktober), dürfen “zur Vermeidung politischer Konflikte und aus Sicherheitsgründen keine Filme mit dem Thema Roma in Ungarn gezeigt werden”, so die Festivalleitung laut einer Erklärung der Dokumentarfilmgruppe DunaDock. Ihr Dokumentarfilmforum DunaDock MasterClass sollte seit 2013 das Festivalprogramm als ständige Einrichtung ergänzen: Es wurden schwerpunktmäßig ungarische Dokumentarfilme der letzten Jahre gezeigt und diskutiert und ungarische Dokumentarfilmer mit den internationalen Gästen vernetzt (Quelle).

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Nicht jedoch in diesem Jahr. In einer heutigen Erklärung des DunaDOCK-Teams auf seiner Facebookseite auf Ungarisch und Englisch heißt es:

“Zu unser größten Überraschung hat sich herausgestellt, dass das CineFest unserem Programm dieses Jahr nur dann Raum geben kann, wenn darin – im Gegensatz zu unseren Plänen – keine Filme mit dem Thema Roma in Ungarn vorkommen, oder wenn doch, dass Titel, Inhalt und Macher des betreffenden Films nicht im offiziellen Festivalprogramm und keinem weiteren öffentlichen Forum aufgeführt werden. Auch in diesem Jahr haben wir nach fachlichen Kriterien international anerkannte ausländische und ungarische Dokumentarfilme für unsere MasterClass ausgewählt. Von den ungarischen Filmen hatten wir einen Klassiker – Cséplő Gyuri von Pál Schiffer (1978), sowie einen auf internationalen Filmfestivals gezeigten neuen Dokumentarfilm ausgewählt. Beide in der Tat zum Roma-Thema.”

Es könnte der Film “Ítélet Magyarországon / Judgement in Hungary / Urteil in Ungarn” (2013) der Regisseurin Eszter Hajdú gemeint sein, der in Ungarn mittlerweile im Kino angelaufen ist. Er dokumentiert den Gerichtsprozess gegen die Täter der Mordserie an Roma 2008/09, der zweieinhalb Jahre dauerte. Mehr dazu hier.

Ebenfalls in Frage kommt “Kains Kinder” (Káin gyermekei) von Marcell Gerő, der gerade als erster ungarischer Film seit 2002 vom San Sebastian Film Festival angenommen wurde.

[Update 14.8.: Laut Auskunft von DunaDock handelt es sich bei dem neueren Film nicht um die beiden hier genannten.]

Weiter in der Erklärung:

“Uns ist die Begründung der Festivalleitung unverständlich, dass das Festival dieses Jahr vor den Kommunalwahlen stattfindet, und so zur Vermeidung politischer Konflikte und aus Sicherheitsgründen keine Filme mit dem Thema Roma in Ungarn gezeigt werden können, selbst ihr traditionelles Romaprogramm wird nicht stattfinden.

Wir glauben daran, dass der Dokumentarfilm ein Medium ist,  dass die Empathie zwischen den Menschen fördert, und halten es für unakzeptabel, dass die Freiheit eines unabhängigen fachlichen Filmprogramms von der Tagespolitik eingeschränkt wird.
Unter solchen Bedingungen wird DunaDOCK nicht auf dem CineFest vertreten sein, von unserer Entscheidung haben wir das Festival bereits in Kenntnis gesetzt.

Wir bedauern zutiefst, dass es auf einem internationalen Filmfestival  zu einer solchen Situation kommen kann.

Unsere MasterClass-Reihe werden wir an einem anderen Ort und zu einem anderen Termin fortsetzen, worüber wir Euch in Kürze unterrichten werden.

Budapest, August 2014

Das DunaDOCK-Team

Ágnes Böjte, Diana Groó, Klára Trencsényi, Julianna Ugrin.”

Update 6.8.: Festivalleiter Tibor Bíró bestreitet, dass das Roma-Thema auf dem Festival nicht erwünscht sei. (Aber) “Wir wollen ein positives Bild der Roma zeigen, in dem die von Roma erreichten Erfolge und persönlichen Leistungen im Fokus stehen.” Die von DunaDock ausgewählten Filme seien schlicht “nicht aktuell”. Darum würden stattdessen in einem eigenen Programm (Roma-Kép) fünf Portraitfilme von erfolgreichen Roma aus Miskolc gezeigt. (hvg) 

Das Roma Pressezentrum kommentiert: “Im Fall des neuen Dokumentarfilms ergibt diese Erklärung keinen Sinn, und mit Hilfe des Nationalen Digitalen Archivs lässt sich die Aktualität des anderen Filmes überprüfen. Der Film handelt von dem intelligenten und ambitionierten Gyuri Cséplő, der von der Aussichtslosigkeit seiner Romasiedlung genug hat und in Budapest sein Glück versuchen will, wo er sich mit Ausgrenzung konfrontiert sieht.”

Update 14.8.: Laut dpa haben die Produzenten des neueren Filmes darum gebeten, den Namen des Films nicht im Zusammenhang mit dem aktuellen Skandal zu nennen, siehe


(Bild aus dem Film Cséplő Gyuri von Pál Schiffer, Blog Kettös Mérce. Der ganze Film auf youtube hier.)

Trailer von “Ítélet Magyarországon / Judgement in Hungary / Urteil in Ungarn” (2013) von Eszter Hajdú

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